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· Vertragstheorien
Vertragstheorien vor dem Hintergrund der Selbstmordattentate
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Mit diesem Mißtrauen, der Gegenseitigkeit von Mißtrauen, sieht sich nunmehr die Welt-Bevölkerung konfrontiert. Man mag dieses Mißtrauen gegenüber Anderen freilich immer latent gespürt haben. Gewißheit darüber hat erst das katastrophale Ausmaß der Attentate auf Amerika verschafft.

Das erklärt deutlich die zunächst schockierten Reaktionen („Das kann doch nicht sein, und doch ist es so!“). Im unmittelbaren Anschluss erfolgt die zweite Stufe der Reaktion: „Weil es so ist, weil wir das gegenseitige Mißtrauen als empirisches Sein erfahren haben, werden wir in diesem Mißtrauenszustand nicht bleiben dürfen.“ Insofern stellen sich alle Solidaritätserklärungen in einem intuitiv verstandenen Zusammenhang zutreffend dar.

Versuchen wir dieses plausible Phänomen zu überprüfen: Theoretisch wie praktisch stellt sich diese Konfrontation mit gegenseitigem Mißtrauen in zweifacher Weise dar: zum einen wird das zwischenstaatliche Mißtrauen individuell personalisiert und kann so übernommen werden als globale Furcht gegenüber anderen Personen; zum anderen erfolgt ein für unauflösbar gehaltener innerstaatlicher Prozess in Form von Mißtrauen gegenüber der bislang vermuteten Stärke eigener staatlicher Souveränität. Äußere und innere Sicherheit entgleiten nicht nur, beide Mängel sind Ursache der Hilflosigkeit selbst fester Staatenbündnisse. Die Bevölkerung spürt nicht nur diese Hilflosigkeit, sie ist ein Teil von ihr. Das dokumentiert das Entsetzen über diese eigene Erkenntnis. Dieses Entsetzen wird im weiteren Verlauf nicht unwesentlich erhöht durch eine dritte Stufe der Reaktionen: Betrachten die Weltbürger das Vokabular ihrer politischen Vertreter, stellen sie fest, dass ihr Entsetzen bestätigt wird. Das Vokabular ihrer Vertreter ist nämlich dadurch geprägt, unmittelbar Unbegreifbares durch eine Übersetzung in schnelle Rhetorik vordergründig begreifbar zu machen. Das ist erstaunlich, denn die beteiligten und betroffenen Weltbürger begreifen es doch von alleine. Da fallen die unheilvollen Worte: „Krieg“, „Angriff auf die zivilisierte Welt“ und „Kriegserklärung“; und: von „Drittem Weltkrieg“ gar ist die Rede. Der amerikanische Präsident verbindet „justice“ mit „dead or alive“. Die Bevölkerung fühlt sich bestätigt in ihrem Entsetzen, denn es lässt sich kaum leugnen, dass hier moderner „wilder Westen“ gemeint sein muss. Diese Aussagen werden als „schrecklich“ empfunden; ein Journalist kommentierte, es handele sich um "Vokabelterrorismus".

Zusammengefasst: Es wird schmerzlich und als schreckliche Erkenntnis empfunden, dass man erneut in einen gedanklichen Naturzustand zurückgefallen ist, obwohl man ihn längst für überwunden geglaubt und hinter sich gelassen hatte. Das ist der gefährliche Irrtum von Hobbes gewesen, denn der Naturzustand bleibt auch im gegründeten Staat weiterhin präsent und muss ständig im Auge behalten werden; dies gilt insbesondere auch für internationale Beziehungen und wird durch die Ereignisse in Amerika bestätigt.

Und ein letzter Aspekt fügt sich an, auch er dokumentiert das gerade empirisch Erlebte: Die klassischen Vertragslehren sind reine Selbsterhaltungstheorien. Was heißt das? Der Einzelne kann sich nicht dauerhaft selbst erhalten, wenn er sich nicht auf die Gemeinschaft mit Anderen einlässt; nur so kann er in einer freien Gesellschaft eigene Selbständigkeit hervorbringen. Bislang wollten Beteiligte des organisierten Terrorismus mit dem eigenen Leben davonkommen, also einen Teil der Gemeinschaftszugehörigkeit aufrechterhalten. Entfällt dieser Gesichtspunkt bei Selbstmordattentätern, wird mit der Aufgabe individueller Selbsterhaltungsstrategie dem Kontraktualismus der Boden entzogen. Das ist den Menschen klar, das erkennen sie.

Theoretisch schließen sich zwei alternative Überlegungen an: Entweder bemüht sich der Staat um die Hintergründe freiverantwortlicher Selbsttötungen oder er schickt alle Suizidgefährdeten als potentielle Attentäter vor die Stadtmauern und überlässt sie den Bären, Wölfen und Löwen. Die erste Alternative entspringt praktischer Vernunft und kommt rechtsstaatlichen Bemühungen nahe. Auch diese letzte Stufe der Überlegungen und durchdachten Reaktionen haben die Weltbürger durch alternatives Denken eigenständig entwickelt, indem sie ihre Solidarität zum Ausdruck brachten.

Auf dieser Stufe stellt sich die kritische Phase von Überlegungen zur Problemlösung dar. Auch insofern der Versuch, eine theoretische Grundlage zu markieren:



pictureVerantwortlich für den Inhalt dieser Seite: Prof. Dr. Regina Harzer
Dieser Beitrag erschien erstmals in Festschrift für Klaus Lüderssen zum 70.Geburtstag am 2. Mai 2002, hrsg. von Cornelius Prittwitz u.a., Baden-Baden 2002, S. 481 ff.
Die Online-Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Nomos Verlages.