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Bosman- Urteil und Nachwuchs- förderung
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Am 15.12.1995 verkündete der Europäische Gerichtshof das sogenannte „Bosman-Urteil“ und erklärte damit die bis dahin gültigen Transferregelungen und Ausländerbeschränkungen in den Mannschaftssportarten für nichtig. Diese Entscheidung kam einer Revolution im bezahlten Mannschaftssport gleich, können doch seither ausländische Spieler in nahezu unbegrenzter Anzahl in den Bundesligen eingesetzt werden.

Dementsprechend sorgen sich vor allem die nationalen Sportverbände um die zukünftige Leistungsstärke ihrer Nationalmannschaften und die Qualität der nationalen Nachwuchsförderung. Denn während die Verbände – wie beispielsweise der Deutsche Fußballbund (DFB) –weiterhin national verpflichten müssen, können die Vereine nunmehr weltweit Spieler „einkaufen“. Und wozu sollen die Bundesligavereine noch mühsam und langwierig deutsche Nachwuchsspieler ausbilden, wenn sie kurzfristig leistungsstarke ausländische Spieler verpflichten können?

Die Aufhebung der Ausländerklauseln führte zu einer enormen Migrationsbewegung in die deutschen Bundesligen, so dass in der Saison 2000/01 der Anteil ausländischer Spieler bei über 40% – im Eishockey sogar bei 60% – lag. (Grafik)

Entwicklung des Ausländeranteils in den ersten Bundesligen der Sportarten Basketball, Eishockey, Fußball und Handball von der Saison 1994/95 bis 2000/01





Damit einher ging eine deutliche Anhebung der Leistungsniveaus in den Bundesligen, was zur Folge hat, dass für Nachwuchsspieler der Sprung in die ersten Ligen immer schwieriger wird. Denn auch wenn nahezu jeder Bundesligist Nachwuchsspieler im Kader hat, so zeigt sich doch, dass die meisten Junioren überhaupt nicht und nur wenige sporadisch zum Einsatz kommen. Mit anderen Worten: In den Bundesligen können die Nachwuchsspieler wohl mittrainieren, jedoch lässt sich in jeder Sportart die Zahl derer, die die Möglichkeit haben, regelmäßige Spielpraxis zu sammeln, an einer Hand abzählen.

Ist somit die mangelhafte Integration der Nachwuchsspieler in den sogenannten Herrenbereich als das zentrale Folgeproblem des Bosman-Urteils für die Nachwuchsförderung anzusehen, wird – wie die Befragung jugendlicher Nachwuchsspieler zeigt – die Situation noch dadurch verschärft, dass keinesfalls nur bedingungslos auf eine Profikarriere gesetzt wird. Vielmehr wird von den meisten gleichzeitig auch ein qualifizierter Schul- oder Berufsabschluss angestrebt. Doch stehen spezifische Organisationsformen der Nachwuchsförderung (sogenannte Verbundsysteme von Vereinen, sportbetonten Schulen bzw. Eliteschulen des Sports und Internaten), die zur Bewältigung dieser Doppelbelastung notwendig sind, bislang noch am Anfang, zumal eben auch hier das Engagement der Spitzenvereine gefragt ist.

Nach einer Phase der Gleichgültigkeit scheinen jedoch mittlerweile auch die Nutznießer des Bosman-Urteils, nämlich die Bundesligavereine die Dramatik der Entwicklung erkannt zu haben, zumindest bemüht man sich gemeinsam mit den Verbänden um Lösungen (z.B. Zweifachspielrecht, Entschädigungen für ausbildende Vereine). Denn schließlich brauchen auch die Vereine für die optimale Vermarktung ihrer jeweiligen Sportart in den Medien nationale „Helden“, und diese werden bislang nur durch die Nationalmannschaften geschaffen.