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Das Phänomen der Zwillingsgeburt fasziniert Dichter, Philosophen und Forscher
seit Jahrhunderten. Systematische Vergleiche von eineiigen und zweieiigen
Zwillingen begannen jedoch erst mit Sir Francis Galton im späten 19.
Jahrhundert. Seitdem entwickelte sich die Zwillingsmethode zu einer der
Standardmethoden verhaltensgenetischer Forschung. Im Vordergrund steht dabei
die Frage, welche Bedeutung genetische Anlagen einerseits und Umweltfaktoren andererseits für
die Ausprägung von psychischen Merkmalen haben. Zwillinge sind für die
verhaltensgenetische Forschung deshalb so interessant, weil ihre genetische
Ähnlichkeit offenkundig ist.
Eineiige Zwillinge stammen aus einer befruchteten Eizelle, die sich
in einem sehr frühen Stadium nach der Befruchtung teilt und somit zwei
Individuen mit gleichem Chromosomenbestand hervorbringt. Zweieiige Zwillinge entstammen
dagegen zwei verschiedenen Eizellen, die von verschiedenen Samenzellen befruchtet
wurden. Deshalb sind sie sich genetisch genauso ähnlich wie “normale” Geschwister,
sie teilen durchschnittlich 50% ihrer Gene. Zeigen eineiige Zwillinge in einem Merkmal größere
Ähnlichkeiten als zweieiige, so deutet dies darauf hin, dass genetische Faktoren zur individuellen Ausbildung dieses Merkmals beim Menschen beitragen.
Zu den Voraussetzungen für eine derartige Schlussfolgerung gehört die Annahme, dass die Umwelteinflüsse auf die
untersuchten psychischen Merkmale von Zwillingen, die in derselben Familie aufwachsen,
weitestgehend gleich sind. Die Richtigkeit dieser Annahme ist für eine Vielzahl von psychischen Merkmalen bestätigt
worden (z.B. Loehlin & Nichols, 1976). Über den wechselseitigen Vergleich eines
interessierenden Merkmals bei eineiigen und zweieiigen Zwillingen lässt sich einschätzen, wie die unterschiedliche genetische Ausstattungen und
Umweltbedingungen zusammenwirken. Mit "additiver
genetischer Varianz" bezeichnen Zwillingsforscher dabei den Anteil an den
beobachtbaren Unterschieden zwischen Menschen, der sich durch die Gesamtwirkung
einzelner Gene ergibt. Die "geteilte Umwelt" umfasst solche Einflüsse, die zur
Ähnlichkeit gemeinsam aufwachsender Personen beitragen, wie z.B. die Wohngegend einer Familie
oder ihr sozialen und ökonomischen Möglichkeiten. Als "spezifische Umwelt" gelten dagegen Einflüsse,
die zur Unähnlichkeit gemeinsam
aufwachsender Personen beitragen. Das können z.B. unterschiedliche Freunde oder Berufe
sein.
Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite:
Prof. Dr. Alois Angleitner,
Prof. Dr. Frank M. Spinath und Dr. Heike Wolf
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