Zentrum für interdisziplinäre Forschung
 
 

Angst, Anfall und Dissoziation

Abschlusstagung der ZiF:Kooperationsgruppe 2004

Termin: 6. - 8. Januar 2005
Leitung: Jörg Bergmann, Elisabeth Gülich, Martin Schöndienst (alle Bielefeld)

Angst, wie überhaupt Emotionen, sind nachdem sie über viele Jahre hinweg ein eher nachrangiges Forschungsthema der Medizin und der Psychologie gebildet hatten, seit ca 10 Jahren wieder zu einem Gegenstand besonderen wissenschaftlichen Interesses geworden. Was Angst "ist", wird dabei in der Regel als sich von sich selbst verstehend vorausgesetzt. Psychiatrische Forschung beschäftigt sich somit eher mit Verfahren der (semi- ) standardisierten "Messung" von Angstkrankheiten unter Zuordnung zu bestimmten, vorab festgelegten Krankheits-Kategorien und mit ihrer pharmakologischen und / oder verhaltenstherapeutischen Behandlung. Die Psychologie wählt vor allem experimentelle neuro- und psychobiologische Zugänge, während die Geisteswissenschaften Angst vor dem Hintergrund verschiedener philosophischer und soziologischer Konzeptionen umkreisen. Der Gedanke, dass dem alltagsweltlichen Sprechen von Angst, wie es auch im Gespräch zwischen Arzt und Patient geschieht, noch Wesentliches und durchaus Unbekanntes über Angst zu entnehmen sein könnte, war der Ausgangspunkt der Kooperationsgruppe, in deren Fokus die kommunikativen Darstellungsformen von Angst und den Weisen, in denen Ängste psychiatrisch und psychologisch, also "klinisch abgebildet" werden können, standen.
Die Basis dieser Untersuchungen bildeten mehrere Reihen von Patienten (mit Panikstörungen, mit epileptischen Angstauren und mit sozialen Ängsten), bei denen jeweils eine umfassende Diagnostik erfolgte. Sie umfasste sowohl narrative Interviews, welche transkribiert und gesprächsanalytisch aufgearbeitet wurden, als auch psychiatrische Untersuchungsinstrumente ebenso wie eine funktionelle Kernspintomographie, bei der geschaut wurde, welche Hirnareale bei der erinnernden Vergegenwärtigung von Alltags- bzw. anfallsartigen Ängsten aktiviert werden.
Die Zusammenführung dieser sehr unterschiedlichen explorativen Zugänge war Aufgabe und Ziel der Abschlusstagung der Kooperationsgruppe. Den hohen Grad an dabei gefordertem interdisziplinären Denken bezeichnete eine Tagungsteilnehmerin als ein "heroisches Untenehmen". Das "Wagnis" hat zu einer Vielzahl unerwarteter und wissenschaftlich weiter zu verfolgender Beobachtungen geführt:
So ergaben die kernspintomographischen Analysen, dass zwischen den verschiedenen Probandengruppen nicht nur die kortikalen Aktivierungsmuster hinsichtlich der anfallsartigen, also pathologischen Ängste differieren, sondern bereits die Vergegenwärtigung von Alltagsängsten bei Epilepsiepatienten andere kortikale Areale einbezieht als bei Panikkranken.
Die psychiatrische Diagnostik ließ erkennen, dass die gängigen Untersuchungsverfahren zwar geeignet sind, Panikerkrankungen zu erfassen, in der Erfassung von Angststörungen bei organischen Erkrankungen, z. B. Epilepsien jedoch weitgehend versagen.
Umso wichtiger war es, diese Ängste aus den kommunikativen, also gesprächsweise erfolgenden Darstellungen der Patienten zu rekonstruieren. Dabei ergaben sich u. a. die folgenden, für die Angstforschung neuen Beobachtungen, die eine weitere Vertiefung verdienen:
Die Schilderungen der Panikpatienten legen einen fließenden Übergang von Alltags- in Panik-(Anfalls-) Ängste nahe, während die von Epilepsiepatienten verwendeten konversationellen Verfahren elementare Unterschiede zwischen Anfalls- und Alltagsängsten herausarbeiten. Panikpatienten tendieren dazu, ihre Ängste in ihrer Relevanz hochzustufen, Epilepsiepatienten dagegen thematisieren ihre Angst spontan nur zögernd, so dass es kommunikativer Arbeit von Patient und Arzt bedarf, damit Komplexität und Bedrohlichkeit der epileptischen Angstauren hervortreten können. Panikpatienten kontrastieren die regelhaft von ihnen betonte Autonomie im Alltag mit ihrer Hilflosigkeit im Anfall, während solche konversationellen Selbstkonstitutionen für Epilepsiepatienten "kein Thema" sind.
Diese ersten Ergebnisse, die noch an größeren Gruppen von Patienten überprüft und weiter differenziert werden müssen, lassen es als erforderlich erscheinen, die kommunikative Darstellung von Angst bei Diagnose und Therapie von Anfalls- und Angsterkrankungen wesentlich stärker als bisher zu gewichten und die linguistische Analyse von Arzt-Patient-Gesprächen als notwendiges Element einer multidimensionalen Diagnostik zu konzipieren. Dass daran durchaus ein weitergehendes Interesse besteht, zeigte die rege Teilnahme an den öffentlichen Vorträgen und Diskussionen, die den Abschluss der Tagung bildeten.



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