Zentrum für interdisziplinäre Forschung
 
 

Verkörperte Kommunikation bei Mensch und Maschine: Ein Forschungsprogramm

FG-Vorbereitungstagung

Termin: 12. - 15. Januar 2005
Leitung: Ipke Wachsmuth (Bielefeld), Günther Knoblich (Newark)

Kommunikation ist zweifellos eine der komplexesten und wichtigsten Fähigkeiten des Menschen. Und sie besteht längst nicht nur in der Weitergabe verbaler Informationen. Um die 65 Prozent des Austausches in einem Gespräch laufen vielmehr durch andere Kanäle: Gesten, Körpersprache, Intonation, Sprachmelodie. Kommunikation benötigt einen ausdrucksvollen Körper, sie ist ein durch und durch verkörpertes Phänomen.
Das Paradigma der Verkörperung ist derzeit eines der viel versprechendsten in der Kognitionswissenschaft. Auf Aspekte der Kommunikation wurde es bislang aber nur hier und da angewandt. Der nötigen und sicherlich lohnenden Aufgabe, hier eine einheitliche Perspektive zu entwickeln, will sich ab Oktober 2005 die neue einjährige Forschungsgruppe Verkörperte Kommunikation bei Menschen und Maschinen widmen. Der Fokus der Gruppe richtet sich dabei sowohl auf das bessere Verständnis der menschlichen Kommunikation und ihrer Evolutionsgeschichte als auch auf das Ziel, zukünftig einmal mit Robotern und anderen Maschinen auf natürliche Weise kommunizieren zu können. Wie dies aussehen könnte, zeigte Kristinn Thórisson (Reykjavik) auf der hochkarätig besetzten Vorbereitungskonferenz der Forschungsgruppe mit einem virtuellen kosmischen Fremdenführer. Dieser kann projizierte Bilder auf Zuruf oder Handzeichen drehen und wenden und auf Anfrage Informationen über die verschiedenen Planeten liefern.
Ein zentrales Thema der Konferenz waren die Gesten. Sie sind für die Evolution der Sprache allem Anschein nach ebenso bedeutsam wie für das aktuelle Sprechen. Während Josep Call vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig vom reichen und flexiblen Gesten-Repertoire nicht-menschlicher Primaten berichtete, betonten Forscher wie Bennett Bertenthal (Chicago), Sotaro Kita (Bristol) und Susan Duncan (Chicago), dass Gesten nicht einfach ein Anhängsel der Sprache sind, auf das Sprecher und Adressat ebenso gut verzichten könnten. Gesten illustrieren nicht nur fertige Gedanken, sie helfen zu denken und sich zu entscheiden. Wer gestikuliert, redet konkreter, spricht mehr über das Hier und Jetzt. Gesten sind wichtig für den Fluss und die Konsistenz einer Erzählung. Oft spiegeln sie die räumlichen Beziehungen zwischen den Akteuren: die linke Hand steht für die Maus, die rechte für die Katze, ihre Bewegungen für die unvermeidliche Jagd. Parkinsonpatienten hingegen erzählen auffallend verarmte und unzusammenhängende Geschichten und sie gestikulieren kaum. Patienten mit Sprachstörungen kann eine ausdrucksvolle Gestik hingegen dazu dienen, diese Störungen zu kompensieren. Kommunikation, so zeigt sich auch hier, besteht nicht nur darin, Wörter zu formulieren, sie ist eine Aktivität des ganzen Körpers. Zudem sind Gesten sensitiv für die Gesten anderer, sie koppeln Redner und Zuhörer in einer engen ›sozialen Schleife‹, in der sich nicht nur ihre Gesten, sondern auch ihre Gedanken wechselseitig beeinflussen.
Der Körper bildet so allem Anschein nach auch die erste und grundlegendste Brücke in der sozialen Interaktion. Ein weiterer Schwerpunkt der Debatte war das Thema Imitation und Simulation, neu entfacht durch die Entdeckung der Spiegelneuronen, die nicht nur feuern, wenn jemand etwas tut, sondern auch, wenn er eine Handlung, eine Geste, eine Berührung oder eine Emotion bei einem anderen wahrnimmt. Aude Billard (Lausanne) nannte die Imitation eine Form verkörperter Kommunikation, der sie auch für das Roboterlernen Bedeutung zumisst. Julie Grèzes (Paris) zeigte auf, dass die motorischen Areale des Gehirns von Tänzern stärker aktiv sind, wenn sie Tänze beobachten, die ihnen bekannt sind, als bei unbekannten Stilrichtungen. Von solcher inneren Imitation zur Handlungsplanung ist es nicht weit, denn der Körper hat auch ein Abbild im Gehirn. Mit diesem, so erklärte Holk Cruse (Bielefeld), kann das Gehirn "herumspielen" und mögliche künftige Veränderungen seiner Körperzustände simulieren, mit anderen Worten, es kann planen. Verkörperte Kommunikation beruht demnach auf einer Art Resonanz der Äußerungen des Gegenübers im eigenen Körpermodell.
Der Begriff der Verkörperung ist trotz seiner Bedeutung im aktuellen Projekt alles andere als klar. Muss man einen Körper aus Fleisch und Blut besitzen? fragte Jens Allwood (Göteborg). Reichen Draht und Blech auch? Sogar eine Simulation? Das Wichtigste, so befand er, sei das grounding, die Verbindung zur Welt, die Gesten und Begriffe erst mit Bedeutung ausstatten könne. Dass sich tatsächlich recht einfache Systeme, die mittels einer Kamera mit der Welt verbunden sind, über die Bedeutung von Begriffen einigen können, zeigte Luc Steels (Brüssel) mit seinen Talking Heads, die sich über Farben und geometrische Figuren verständigen lernen.
Das wichtigste Ergebnis der Vorbereitungstagung war sicherlich die wachsende Begeisterung der Teilnehmer für das interdisziplinäre Engagement: Wenn Psychologen und Robotiker fasziniert über primatologische Videos diskutieren, ist der erste Schritt zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit getan. Aber nur der erste: Während Thórisson einen "geteilten Code" als Bedingung eines gelingenden Projekts einforderte, Georg Meggle (Leipzig) betonte, wie wichtig es sei, die verschiedenen Begriffe von Kommunikation auseinanderzuhalten, und Thomas Metzinger (Mainz) für die Einigung auf eine gemeinsame Beschreibungsebene plädierte, sprach Wolfgang Prinz für den Pragmatismus: Es sei wenig ergiebig, sich gleich zu Beginn interdisziplinärer Zusammenarbeit zu sehr an begrifflichen Fragen festzubeißen, da noch nicht einmal klar sei, welche Phänomene bleibende Bedeutung hätten.
Dass die Forschungsgruppe sich viel vorgenommen hat, kam bei der Abschlussrunde zum Ausdruck: In welcher Beziehung steht die verkörperte Kommunikation zur verbalen? Welche Rolle spielt der Körper bei der Begriffsbildung? Was ist die evolutionäre Beziehung zwischen der verkörperten Kommunikation und der Theory of Mind? Gibt es spezielle Kontrollstrukturen in der verkörperten Kommunikation? Wie werden ihre Ebenen integriert? Welche Rolle spielt die Umgebung? Welchen Beschränkungen unterliegt die verkörperte Kommunikation? Welche Rolle spielen diese Erkenntnisse für Prothesen und Maschinen? Joëlle Proust konnte am Ende der Tagung eine lange Liste spannender Fragen zusammentragen, die zu beantworten sind, um die Reichweite des Paradigmas der verkörperten Kommunikation zu bestimmen und - hoffentlich - einen großen Schritt auf dem Weg zu einem besseren Verständnis dieses vielfältigen Phänomens zu gehen.



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