Zentrum für interdisziplinäre Forschung
 
 

Interkulturelle Dimensionen des multimedialen Englischunterrichts

Termin: 21. - 23. Februar 2005
Leitung: Uta von Reinersdorff (Bielefeld), Peter Freese (Paderborn)

Gegenstand der Tagung war u. a. die Interdependenz von interkulturellen und multimedialen Aspekten in modernen Lernumgebungen. Letztere können eine kulturverbindende Wirkung erzielen, wenn sie den Unterricht auf der Informations- und Emotionsebene, besonders im konkreten authentischen Austausch, bestimmen. Dabei wurde gefragt, inwiefern neue mediale Informations- und Austauschinstrumentarien wie z. B. das Internet und die Hypertextebene eigene Lese-, Lern- und Informationskulturen mit bestimmten Lese-, Verarbeitungs- und Memorierungsmustern hervorbringen. Der Prozess der Wissensvermittlung wird gemäß der Erkenntnis, dass mentale Bilder starke Initiatoren und Katalysatoren für die Rezeption und den Übergang der Lerninhalte ins Langzeitgedächtnis sind, stärker visuell strukturiert und effizient instrumentalisiert.
Interkulturell orientierte Projekte, die z. B. SchülerInnen verschiedener Kulturkreise über die modernen elektronischen Medien miteinander in Kontakt treten lassen (E-Mail-Austausch, Chatrooms, transatlantische Videokonferenzen, etc.), erreichen einen Grad an Spontaneität und Authentizität, die Motivation, Lernerautonomie und eine Öffnung für die Perspektive des je Anderen erlauben, die im herkömmlichen, stärker abgegrenzten Klassenzimmer aufgrund der im Vordergrund stehenden Didaktisierung selten erreicht werden. Ein kombinierter Text-Bild-Ansatz hat sich als ideal erwiesen, um Informationen zu systematisieren und langfristig zu memorieren. Dabei spielen im konkreten Austausch Emotionen eine wichtige motivationsfördernde Rolle. Dynamische Bilder zeitigen einen größeren und nachhaltigeren Effekt als statische Bilder. Computeranimierte Internetseiten regen die SchülerInnen stärker zur eigenen Produktivität und Kreativität an als statische Bilder.
Dabei ist interessant, dass emotional ansprechende Materialien verschiedener Genres, z. B. Dokumentationen, politische Satire und fiktionale Kultfilme einen intensiv motivierenden, lern- und autonomiefördernden sowie in ihrer globalen Rezeption kulturübergreifenden Charakter haben. Wichtig ist für die Effektivität der Lernprozesse, dass das gewählte Material von den Schülerinnen und Schülern als aktuell und authentisch empfunden wird. Wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, werden die tragenden Inhalte und Wahrheiten, die über die oben genannten Genres kommuniziert werden, in ihrer kulturübergreifenden Relevanz erfasst.
Lern-, gedächtnis- und kognitionspsychologisch ergibt sich, dass ein multimedialer Zugang mit der visuell-auditiven Distribution: dynamische Bilder und gesprochener Text, eine optimierte Form des langfristigen Lernens begünstigt. Diese Kombination ermöglicht durch die Vernetzungstechniken, die das Gehirn anwendet, aktive kognitive Prozesse: die Selektion von Wörtern und Bildern, die Organisation von Wörtern und Bildern, und schließlich die Integration von beiden (Wörtern und Bildern). Der Konstruktionsprozess, den der oder die Lernende im Lernvorgang vollzieht, ist stark von der visuellen Dominanz der ausgewählten Bilder des Darstellungsmediums geprägt. Die affektive Seite des Spracherwerbsprozesses ist eng an die Bildseite gekoppelt. Beide beeinflussen signifikant die Kognitionsebene des Lernprozesses. Im Fall von fiktionalen Bildrepräsentationen wird beispielsweise die Imaginationsebene der Lernenden mit Hilfe von Computergraphiken so gelenkt, dass der visuelle Impuls im Gedächtnis haften bleibt und jederzeit helfen kann, die gesamte Lernsituation zu rekonstruieren. Für manche ehemals rein textlich vermittelten Inhalte gilt, dass sie durch die computertechnisch neu ermöglichten Darstellungen von Innenwelten erst im Multimediazeitalter adäquate visuelle Umsetzungsmodi erfahren.
Kulturelle Kompetenz entwickelt sich am ehesten, wenn nicht die Unterschiede, sondern die Gemeinsamkeiten der Kulturen im Austausch miteinander betont werden. Der Praxisbezug und der konkrete Umgang mit Repräsentanten der ›Fremdkultur‹ sind wichtig, um Fremdverstehen zu entwickeln. Das Überschreiten der eigenen Denkhorizonte und Perspektiven ist u. a. gut in Internetprojekten realisierbar. Die Hypertextebene generiert statt linearer multifacettierte und vielschichtige spiralförmige Lernstrukturen und -organisationen, die Lerngewinn und Wissenszuwachs durch Produktivität und Kreativität der jeweils autonom agierenden LernerInnen ermöglichen.
Die Tagung verlief organisatorisch glatt und atmosphärisch sehr angenehm, was von den TeilnehmerInnen als sehr positiv vermerkt wurde. Besonders die konkreten Praxisbezüge in den Plenarvorträgen von Prof. Mindt (Berlin) und der Kenianerin Beni Oburu, die einer breiten Öffentlichkeit von LehrerInnen zugänglich waren, konnten eine konkrete Anwendbarkeit neuer Forschungsergebnisse demonstrieren.



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