Zentrum für interdisziplinäre Forschung
 
 

Imaging NanoSpace - Bildwelten der Nanotechnik

Termin: 11. - 14. Mai 2005
Leitung: Alfred Nordmann (Darmstadt), Jochen Hennig, Horst Bredekamp (beide Berlin)

Diese Tagung war innerhalb der letzten 15 Monate bereits die vierte bedeutende internationale Konferenz, die sich dem themenbereich 'Bildwelten der Nanoforschung' widmete. Woher dieses Interesse an den Bildern, die nanotechnisch produziert werden und die sich die Gesellschaft von der Nanotechnologie macht? Die Antwort auf diese Frage kommt aus der Nanoforschung selbst. So unklar ihre Definition auch sein mag, so eng sind ihre Geschichte und Laborpraxis mit den Instrumenten und Techniken der Visualisierung verbunden. Oft heißt es beispielsweise, dass mit Gerd Binnig und Heinrich Rohrers Entwicklung des Rastersondenmikroskops Anfang der 1980er Jahre alles überhaupt erst richtig angefangen habe. Instrumentelle Kontrolle auf atomarer Ebene wurde vor allem mit Hilfe eines rastertunnelmikroskopischen Bildes unter Beweis gestellt, das seine Erzeuger bei IBM mit gewissem Recht The Beginning genannt haben. Mehr als bessere Theorien oder technische Anwendungen ist es die Flut technisch immer ausgereifterer, manchmal überraschender und oft beeindruckender Bilder, die den Fortschritt der Nanoforschung ausmacht. Dabei haben die Wissenschaft und ihre Öffentlichkeit gemeinsam, dass sie mit dieser Bilderflut nicht wirklich umzugehen wissen.
The Beginning von Don Eigler und Erhard Schweizer erbrachte eine Art Möglichkeitsbeweis für die Nanotechnologie und bietet somit einen gemeinsamen Bezugspunkt. Auf diese Weise trug es zur Stabilisierung des ganzen Unterfangens Nanotechnologie bei. Gleichzeitig hat dieses Bild jedoch einen destabilisierenden Effekt. Es verspricht, was es nicht halten kann. Es scheint nämlich zu bedeuten, dass ab jetzt Atome willkürlich bewegt werden können und zwar nicht nur unter den ganz besonderen Bedingungen, die bei der Herstellung dieses Bildes galten, sondern allgemein. Somit scheint es den Möglichkeitsbeweis auch für die Visionen eines Eric Drexler zu bieten und bestätigt die übertriebenen und übertrieben furchtsamen Vorstellungen von molekularer Fabrikation, nanoskaligen Robotern und der angeblichen Fertigkeit, nun jedes beliebige Molekül Atom für Atom zusammensetzen zu können. Die Bedeutung des Bildes geht also weit über seinen technischen Inhalt hinaus und über das, was seine Erzeuger mitteilen wollten.
Die Wissenschaft hat über Jahrhunderte ihre methodischen Werkzeuge schärfen können, mit denen sie Hypothesen, Theorien und experimentelle Befunde kritisch prüfen kann. Aber hat sie bereits das nötige Werkzeug, um Bilder einer wissenschaftlichen Kritik zu unterziehen? Kann sie überhaupt überschauen, wie sich die Macht von Bildern über ihren Entstehungszusammenhang hinaus in Nachbardisziplinen und schließlich der Öffentlichkeit entfaltet? Die Nanoforschung ist ohnehin bereits multidisziplinär. Um diese neuen Aufgaben bewältigen zu können, bedarf es im Konzert der Disziplinen auch einer eigenständigen Bildwissenschaft, wie sie etwa im Arbeitsbereich 'Das technische Bild' an der Humboldt Universität betrieben wird. Und es bedarf einer philosophisch und historisch orientierten Wissenschaftsforschung, die den Wandel der Wissenschaftskultur nicht nur beobachtet, sondern argumentativ und normativ begleitet. Die vier eingangs genannten Tagungen und insbesondere die Beschäftigung mit den 'Bildwelten der Nanoforschung' in Bielefeld reflektieren bereits diese Ausweitung der Perspektiven, die mit den neuen Bildgebungsverfahren der Wissenschaft und dem Wandel ihrer gesellschaftlichen Orientierung einhergeht.



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