Zentrum für interdisziplinäre Forschung
 
 

Max Webers "Grundbegriffe"

Kategorien der kultur- und sozialwissenschaftlichen Forschung

Termin: 1. - 3. Juni 2005
Leitung: Klaus Lichtblau (Wuppertal)

Max Weber gilt international als einer der bedeutendsten Kultur- und Sozialwissenschaftler des 20. Jahrhunderts. Angesichts der Vielzahl der von ihm behandelten Themen und angesichts des fragmentarischen Charakters seiner Schriften wurde in der Sekundärliteratur jedoch immer wieder die innere Einheit seines Werkes in Frage gestellt. In diesem Zusammenhang kommt den während dieser Tagung erörterten soziologischen Grundbegriffen Max Webers eine besondere Bedeutung zu. Denn mit diesen Grundbegriffen, von denen es zwei verschiedene Fassungen gibt, hat Weber seinen historisch-vergleichenden Forschungen eine systematische Grundlage zu geben versucht, die zugleich den methodischen Grundsätzen seiner 'verstehenden Soziologie' Rechnung trägt.
Zur Klärung der Eigenart von Webers Soziologie wurde im ersten Themenbereich sein eigener Untersuchungsansatz zum einen von verschiedenen anderen Varianten der verstehenden Soziologie abgegrenzt und zum anderen mit benachbarten theoretischen Ansätzen (Systemtheorie, Rational Choice, Theorie des kommunikativen Handelns) verglichen. Es wurde dabei deutlich, dass keiner dieser neueren sozialwissenschaftlichen Ansätze in der Lage ist, der Komplexität von Webers Forschungsprogramm vollständig Rechnung zu tragen und dass dieses insofern nach wie vor eine ernst zu nehmende Alternative gegenüber diesen neueren Ansätzen darstellt.
Da Weber nicht nur Sozialwissenschaftler, sondern zugleich Jurist, Nationalökonom und Historiker war, wurde im zweiten Themenbereich das Verhältnis von Webers Soziologie zu diesen benachbarten Disziplinen erörtert. Zur Sprache kamen dabei unter anderem eine gewisse normativistische Blickverengung von Webers Soziologie, die auf seine juristische Herkunft zurückgeführt wurde, sowie Webers Verortung der Demokratie im Rahmen der von ihm entwickelten Herrschaftstypologie. Ferner wurde auf die Bedeutung der Wirtschaftsgeschichte für Webers Werk hingewiesen sowie ein Vorschlag zur Diskussion gestellt, wie eine 'verstehende Wirtschaftssoziologie' aussehen müsste, die sich an den methodischen Prämissen seiner 'Soziologischen Grundbegriffe' von 1920 orientiert.
Im dritten Themenbereich wurde der Frage nachgegangen, ob und in welcher Weise in Bezug auf Max Webers Grundbegriffe überhaupt von einer 'Systematik' gesprochen werden könne. Zwar wurde um 1900 in den verschiedensten Disziplinen entsprechenden grundbegrifflichen Erörterungen ein besonderer Stellenwert für die jeweilige fachinterne Systematik zugesprochen. Der entsprechenden zeitgenössischen Literatur konnte jedoch kein Hinweis darauf entnommen werden, an welchen Kriterien sich Weber bei der Bildung seiner eigenen Grundbegriffe orientiert hat. Deshalb wurde die Frage kontrovers diskutiert, ob auf ein solches kontextualistisches Verfahren nicht gänzlich zugunsten einer rein immanenten Rekonstruktion von Webers Werk und seines diesbezüglichen Sprachgebrauchs verzichtet werden sollte.
Im letzten Themenbereich wurden Probleme erörtert, die sich im Rahmen einer Übersetzung von Webers Fachterminologie in andere Nationalsprachen ergeben. Insbesondere im angelsächsischen Sprachraum wird heute die Qualität der älteren Weber-Übersetzungen in Frage gestellt, was bereits zu zahlreichen englischsprachigen Neuübersetzungen bekannter Weber-Texte geführt hat. Die während der Tagung zwischen den anwesenden britischen, französischen und italienischen Kollegen geführte Diskussion machte jedoch deutlich, dass in diesem Zusammenhang offensichtlich recht unterschiedliche 'Übersetzungskulturen' existieren und dass es insofern auch unter den professionellen Übersetzern keinen Konsens darüber gibt, was eine wirklich 'gute' fachwissenschaftliche Übersetzung auszeichnet.



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