Zentrum für interdisziplinäre Forschung
 
 

Emotionen als bio-kulturelle Prozesse

Abschlusskonferenz der ZiF: Forschungsgruppe 2004/05

Datum: 1. - 3. September 2005
Leitung: Birgitt Röttger-Rössler (Göttingen), Hans J. Markowitsch (Bielefeld)

Ein halbes Jahr nach dem Ende der Präsenzzeit am ZiF wurden auf der Abschlusskonferenz verschiedene mittlerweile weiter ausgearbeitete Ergebnisse der Forschungsgruppe Emotionen als bio-kulturelle Prozesse einer Gruppe internationaler Experten vorgestellt. Auf diese Weise sollte sichergestellt werden, dass die Arbeit der Fellows noch einmal ausgiebig diskutiert wird, bevor sie in die geplante Publikation einfließt. Um dem Ansatz gerecht werden zu können, folgte das Programm der Konferenz einem bislang recht ungebräuchlichen Schema: In sechs themenspezifischen Sektionen, die jeweils einen halben Tag in Anspruch nahmen, wurden zunächst von je zwei Fellows unterschiedliche Teilergebnisse der Forschungsgruppenarbeit vorgestellt und erläutert. Diese wurden dann direkt im Anschluss von einem externen Experten auf dem jeweiligen Themengebiet kritisch kommentiert und z.T. mit eigenen Daten ergänzt. Diese Kommentare leiteten dann in eine ausgiebige Diskussion über das Gehörte über. Nach kurzer Pause wurden die Sektionen durch den Vortrag eines weiteren internationalen Experten ergänzt und perspektivisch erweitert.
In der ersten Session zur Phylogenese von Emotionen im Zusammenspiel mit der Hirnentwicklung trugen Hans J. Markowitsch und Michael Casimir einige Thesen aus der diesbezüglichen Arbeit der Forschungsgruppe vor, die von Tony W. Buchanan aus Iowa mit eigenen Daten verglichen und kommentiert wurden. Für den Vortrag zum Ende dieser Session konnte der Neurowissenschaftler William Calvin aus Seattle gewonnen werden, der über die "kreative Explosion" vor 50.000 Jahren referierte. Der Nachmittag des ersten Tages stand dann im Zeichen der Appraisals als Brücke zwischen Biologie und Kultur, wozu Eva-Maria Engelen und Christian von Scheve in ihren Beiträgen die konzeptuelle Sicht der Forschungsgruppe darlegten. Diese wurden von Arvid Kappas aus Bremen, der bereits auf vorherigen Workshops die Gruppe mit seinen konstruktiven Anmerkungen sehr bereichert hatte, kommentiert. Die wichtige Rolle der Appraisals wurde im Nachmittagsvortrag von Tom Johnstone aus Wisconsin mit Material aus der Hirnforschung ebenfalls bekräftigt.
Der zweite Konferenztag begann mit einer Session zu Veränderungen sowohl in individuellen Biographien als auch in ganzen Gesellschaften und wie diese sich emotional auswirken. Zu diesem Themenkomplex trugen die Ethnologin Birgitt Röttger-Rössler und der Soziologe Sighard Neckel Fallbeispiele aus ihren jeweiligen Forschungsfeldern vor, die von dem Soziologen Hans-Joachim von Kondratowitz aus Berlin kommentiert wurden. Die Sektion wurde abgeschlossen durch einen Vortrag des Australiers Russell Deighton, der Ergebnisse aus einer aktuellen kulturübergreifenden emotionspsychologischen Studie präsentierte. Am Nachmittag erläuterten Manfred Holodynski und Irene Daum einige wichtige Punkte zur individuellen Emotionsentwicklung bei Kindern, die von Gerald Hüther aus Göttingen von einer evolutionstheoretischen Perspektive kommentiert wurden. Der Entwicklungspsychologe Joseph Campos aus Berkeley schloss diese Session mit sehr anschaulichen Forschungsbeispielen zur Entwicklung von Ängsten im Kleinkindalter.
In der fünften Sektion zur Emotionalität sozialer Ex- und Inklusion schlugen Susanne Jung und Thomas Stodulka eine Antwort auf die Frage vor, wie individuelle Scham in kollektiven Stolz umgewandelt werden kann und belegten dies mit Beispielen aus der Schwulenbewegung und von Straßenkindern in Indonesien. Dieser Beitrag wurde vom Soziologen Poul Poder aus Kopenhagen kommentiert, bevor der Ethnologe Daniel Fessler aus Los Angeles in einer evolutionären Perspektive die Entwicklung von Scham in unterschiedlichen Kulturen beleuchtete. In der letzten Konferenzsession, die speziell den Emotionen in der Jugendphase gewidmet war, berichtete Stefanie Kronast über Scham und Stolz in der Schule, und Sven Ismer beleuchtete, wie marginalisierte Jugendliche die Kultur der HipHop zur Emotionsregulation nutzen. Diese Beiträge wurden von Klaus Wahl vom Deutschen Jugendinstitut in München kommentiert, bevor Achim Stephan in seinen abschließenden Bemerkungen die Arbeit der Gruppe und ihre Auswirkungen noch einmal Revue passieren ließ.
Alles in allem ist das Konzept der Konferenz, die einzelnen Themen aufzuteilen und in relativ offenen Sektionen zu behandeln, gut aufgegangen. So konnte gewährleistet werden, dass ausreichend Raum für umfassende Diskussionen nicht nur in den Pausen, sondern gerade auch direkt zu den Beiträgen im Plenarsaal vorhanden war. Dabei hat sich gezeigt, dass die Arbeit der Gruppe insgesamt in weiten Teilen sehr erfolgreich darin war, eine gemeinsame Basis für die unterschiedlichen an der Emotionsforschung beteiligten Disziplinen zu legen. Bei allen Beteiligten ist das Bewusstsein dafür geschärft worden, dass es nötig ist, die engen Grenzen der Einzelwissenschaften zu überwinden, um zu einem besseren Verständnis von Emotionen und ihren mannigfaltigen Wechselwirkungen auf das Individuum genauso wie auf die Gesellschaft, in der es lebt, zu kommen.



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