Zentrum für interdisziplinäre Forschung
 
 

Vor dem Kunstwerk

Interdisziplinäre Aspekte der Praxis des Sprechens und Schreibens über Kunst

Termin: 13. - 15. Oktober 2005
Leitung: Heiko Hausendorf (Bayreuth)

Mit dieser Arbeitsgemeinschaft wurde erstmalig der Versuch unternommen, die Besonderheiten und Eigentümlichkeiten der Kunstkommunikation vom Reden und Schreiben über Kunst zu erschließen, d.h. ausgehend von Kommunikationsereignissen, die im Anschluss an die Wahrnehmung eines Kunstwerks entstehen und sich sprachlich auf dieses Kunstwerk beziehen. Die Tagung hat gezeigt, dass eine solche Perspektive ein phänomenologisch wie disziplinär außerordentlich weites Feld eröffnet: phänomenologisch sind damit fest institutionalisierte und professionell angeleitete Kunstgespräche (vor Publikum, im Fernsehen, im Feuilleton, als 'Kunstkritik' …) genauso erfasst wie alltäglich-spontane Zufallskundgaben über Kunst (z.B. als öffentliches Ärgernis), Experten- genauso wie Laienbeiträge; disziplinär ergaben sich ausgehend von der linguistischen Fundierung des Themas Anschlusspunkte von der Archäologie bis zur Psychologie, von der Soziologie bis zur Rhetorik und Philosophie. Nicht immer muss die Kommunikation über Kunst dabei außerhalb des Kunstwerks bleiben: In großer Anschaulichkeit haben die Beiträge gezeigt, in welchem Maße Anschlusskommunikation über Kunst in das Kunstwerk selbst hineinreicht: etwa wenn wir beim Schauen eines Filmes nicht umhin können, im Vor- oder Abspann Informationen über das Gesehene im Sinne von Hintergrunddaten mitzusehen oder - noch weniger abgrenzbar - auf einer Vase oder Statue nicht nur Gegenstände, Personen und Handlungen sehen, sondern diese auch noch sprachlich bezeichnet finden (bis hin zum Hinweis, wer was wie zur Entstehung des Werkes beigetragen hat). In einer der Tagungsplanung zugrunde gelegten Terminologie könnte man sagen, dass das Beschreiben, Deuten, Erläutern und Bewerten des Kunstwerks in vielen Fällen also bereits Teil des Werkes selbst ist. Kommunikation über Kunst erscheint so auf sehr unmittelbare Weise mit der Kommunikation durch Kunst verknüpft - eine These, die auf der Tagung immer wieder von unterschiedlichen Seiten aus theoretisch wie empirisch perspektiviert und akzentuiert wurde.
Auf der Tagung blieb es nicht bei der beobachtenden Rekonstruktion der Kunstkommunikation, Kunstkommunikation wurde als Praxis auch direkt erlebbar: so etwa im Gespräch mit einem der anwesenden Künstler über eines seiner Werke oder beim Anfertigen eines Objektes (aus Materialien wie Fäden, Bändern, Drähten, unterschiedlichen Papieren, Klebstoff, Farbe, …) unter Anleitung eines weiteren anwesenden Künstlers. In welcher Weise im wiederum auf kunstvolle Weise angeleiteten Sprechen über dieses Objekt die Zugzwänge der Kunstkommunikation zu greifen beginnen, wurde schließlich in einer improvisierten Aktion an einem der Tagungsabende anschaulich erfahrbar und beobachtbar.
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren sich einig, dass die auf der Tagung von vielen verschiedenen Seiten in Angriff genommene Analyse der Kommunikation vor dem Kunstwerk essentiell dazu beitragen kann, die Eigenheiten der Konstitution von Kunst empirisch zu rekonstruieren.



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