Zentrum für interdisziplinäre Forschung
 
 

Das literarische Feld - eine Welt für sich?

Interdependenzen, Binnendifferenzen und Internationalisierung

Termin: 20. - 22. Oktober 2005
Leitung: Ingrid Gilcher-Holtey (Bielefeld)

Vom 20. - 22. Oktober 2005 tagte im ZiF eine Gruppe von Forscherinnen und Forschern, die institutionell in dem aus Mitteln des Sixth Framework Programme Priority von der EU finanzierten Projekts ESSE (Pour un Espace des Sciences Sociales Européennes) zusammengefaßt sind. ESSE hat sich zum Ziel gesetzt, den Dialog zwischen Sozial- und Kulturwissenschaftlern verschiedener europäischer Länder zu festigen und ein transnationales, interdisziplinäres Netzwerk zu schaffen, das sich thematisch auf zwei Schwerpunkte konzentriert: die Analyse der Produktion und Zirkulation von Literatur und Kunst in Europa sowie die Analyse der Herausbildung eines Raumes der Sozialwissenschaften in Europa und der Zirkulation von Ideen. Beteiligt am Projekt ESSE sind neun europäische Universitäten: Genf, Freiburg i. Br., Lausanne, Venedig, Liège, Kreta, Utrecht, Padova und Bielefeld sowie das Centre de Sociologie Européenne (CSE / EHESS) in Paris.
Orientiert an Fragestellungen, Begriffen und Hypothesen der Feldtheorie Pierre Bourdieus, unternahm die Tagung den Versuch, Entwicklungstendenzen nationaler literarischer Felder im 20. Jahrhundert und zugleich Internationalisierungsprozesse und deren Auswirkungen auf die literarischen Felder zu erfassen. Drei Sektionen strukturierten das Programm. Im Mittelpunkt der ersten Sektion stand die Wechselwirkung zwischen den nationalen literarischen Feldern, die exemplarisch untersucht wurde am Beispiel der Interventionen von Schriftstellern in die Politik. Gefragt wurde, ob und wie die Figur des 'universellen Intellektuellen', die am Ende des 19. Jahrhunderts in Frankreich im Verlauf der Dreyfus-Affäre auftaucht, in andere literarische Felder transferiert worden ist, oder welche anderen Definitionen der Rolle des Intellektuellen in anderen europäischen Ländern vorgenommen worden sind. Die zweite Sektion wandte sich, das Verhältnis von Sprachraum und nationalen literarischen Feldern untersuchend, den Differenzierungen innerhalb der literarischen Felder zu und problematisierte dabei am deutschen Fall insbesondere die Frage, ob nach dem zweiten Weltkrieg von einem durch den Sprachraum konstituierten literarischen Feld auszugehen ist oder von vier sich ausdifferenzierenden deutschen literarischen Feldern. Ausgehend von der Hypothese, daß das 20. Jahrhundert durch Internationalsierungsprozesse gekennzeichnet ist, die sich auch auf die Produktion und Rezeption von Literatur auswirken, untersuchte die dritte Sektion die Ausbildung transnationaler Netzwerke von Schriftstellern und die Institutionalisierung internationaler Konsekrationsinstanzen. Die in französischer Sprache geführte lebhafte Diskussion der Beiträge mündete in der Schlußdebatte in methodische Überlegungen zur empirischen Rekonstruktion der 'Verantwortung' des Schriftstellers. Skizziert wurde zudem eine Typologie intellektueller Interventionsstrategien, die idealtypisch das Spektrum der Eingriffe europäischer Schriftsteller in die Politik umreißt.



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