Zentrum für interdisziplinäre Forschung
 
 

Die Natur der Kulturen

Termin: 25. - 28. Januar 2006
Leitung: Rüdiger Zymner (Wuppertal), Karl Eibl (München)

An diesem Arbeitsgespräch nahmen 25 Forscherinnen und Forscher sowie zahlreiche Gaste aus dem In- und Ausland teil. Es hatte eine doppelte interdisziplinäre Zielsetzung: Es sollte nicht nur den Dialog zwischen Geistes- und Biowissenschaften im Allgemeinen fördern, sondern darüber hinaus auch die verschiedenen disziplinären Ansätze miteinander ins Gespräch bringen, die bereits im Bereich der evolutionsbiologisch akzentuierten Forschung zu erkennen sind, aber noch nicht genügend Kenntnis voneinander genommen haben. In den letzten Jahren gibt es nämlich immer mehr Wissenschaftlerinnen, die gerade der Schnittstelle von Natur und Kultur ihre Aufmerksamkeit zugewandt haben, und neuerdings eine ganze Phalanx von Forschungsaktivitäten, die hier ein Feld besonders viel versprechender Forschung sehen. Ob es nun die Gehirnforschung oder die Neurophysiologie ist, die mit bemerkenswerten Fortschritten von sich reden machen, die Ethologie und Soziobiologie, die Evolutionäre Psychologie, die Kognitionswissenschaften verschiedenen Zuschnitts, die Biopoetics oder die gestaltpsychologisch inspirierten Kunst- und Musikwissenschaften (und manche andere Unternehmung, die in der Aufzählung nicht vorkommt): Es sind teilweise sehr heterogene Aktivitäten, die doch alle darin übereinkommen, dass sie sich ausdrücklich auf dem Grenzrain von Geisteswissenschaften und Biowissenschaften bewegen.
Den Initiatoren lag es nahe, zunächst bei Themen und Problemen des eigenen Faches, der Literaturwissenschaft, anzusetzen und von ihnen aus ins Allgemeinere zu fragen. Die folgenden vier Themenbereiche boten sich als Orte interdisziplinärer Begegnung an:
1. Gestalt: Unter verschiedenen Namen wie 'Gestalt', 'Frame', 'Schema', 'Script' werden in Psychologie und Kognitionswissenschaften die kognitiven Werkzeuge erörtert, mit denen wir Umweltereignisse ordnen/konstruieren. Diese Werkzeuge sind vermutlich auch von großer Bedeutung bei der Produktion von literarischen Texten. Fraglich ist, wie weit sie als adaptive toolbox zur phylogenetischen Grundausstattung gehören und wie weit sie kulturell vermittelt sind.
2. Imagination und Empathie: Welche biologischen Dispositionen befähigen uns, von gegenwärtigen Handlungszusammenhängen abzusehen und relativ stabile und geräumige 'mögliche Welten zu entwerfen oder 'wirkliche Welten zu verfremden? Und die möglichen Welten so kommunikabel und emotionssteuernd zu konzipieren, dass wir uns mit den dort agierenden Figuren 'identifizieren' können?
3. 'Evolutionäre Ästhetik' zwischen Nutzenästhetik und 'interesselosem Wohlgefallen': Eine Ästhetik, die das Wohlgefallen am Nützlichen ins Zentrum stellt, lasst sich ohne größere Probleme mit biologischen Kategorien vermitteln. Aber manche Positionen zumal der neueren Ästhetik bzw. empirisch beobachtbare Präferenzen für 'Zweckfreiheit' scheinen dazu quer zu stehen. Gibt es Möglichkeiten einer evolutionären Reformulierung von ästhetischen Grundkategorien (z. B. der des Spiels), die auch 'zweckfreie' Kunst auf biologische Voraussetzungen bezieht?
4. Sprache und Kultur: Ungeachtet einiger 'sprechender' Affen wird man die Menschensprache in ihrer voll entwickelten Form als biologisches Unikat einschätzen dürfen. Wenn man denn - wie radikal auch immer - die Wirklichkeit für eine sprachliche Konstruktion hält, wird man weiterfragen müssen, welchen Leistungen der Sprache wir diese Konstruktion zu verdanken haben (und mit welche Irrtumsquellen wir dabei zu rechnen haben).
Im Verlauf der Diskussionen zeigten sich deutlich Probleme und Chancen der Interdisziplinarität: Probleme, wo ein monistischer Naturalismus zu evolutionstheoretischen Überakzentuierungen führt; Chancen, wo ein monistischer Naturalismus zu empirisch triftigen Bestimmungen und Klärungen geisteswissenschaftlicher Probleme führt.



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