Zentrum für interdisziplinäre Forschung
 
 

Preisträgerkolloquium mit Ronald M. Dworkin

Termin: 15. Dezember 2006
Leitung: Gerhard Sprenger (Berlin) und Véronique Zanetti (Bielefeld)

Anlass der kleinen Tagung war der Wissenschaftspreis, den die Stiftung der Sparkasse Bielefeld, die Stadt Bielefeld und die Universität Bielefeld dieses Jahr an Ronald Dworkin vergeben hat. Neben den vier Vortragenden waren Spezialisten der Philosophie Dworkins sowie prominente Persönlichkeiten der Rechtsphilosophie und der Rechtspraxis versammelt, um zentrale Themen der Theorie Dworkins zu diskutieren, unter ihnen Jürgen Habermas, der schon 1994 in einer vom ZiF organisierten Tagung mit Dworkin debattiert hatte und nun am Abend der Festveranstaltung die Laudatio hielt.
Dworkin gehört zu den wenigen Denkern, die es wagen, Systeme zu konstruieren. Sein großes Gedankengebäude beherbergt die wichtigsten Themen der Rechtsphilosophie, der politischen Philosophie und der Ethik, und sie werden mit analytischer Genauigkeit behandelt. Wie seine jüngsten Veröffentlichungen Justice in Robes (2006) und Is Democracy Possible Here? (2006) bezeugen, gehören zu den tragenden Fragen, zu denen Dworkin immer wieder zurückkehrt, die Analyse der hermeutischen Dimension des Rechts und der Beziehung zwischen Recht und Moral. Im ersten Vortrag unternahm Klaus Günther eine Rekonstruktion der Schwerpunkte dieser Theorie. Bei der Interpretation bestehender Rechtsregeln, und vor allem in schwierigen Fällen (hard cases), greift der Richter auf Prinzipien zurück, die Maßstäbe aufstellen, deren Befolgung ein Gebot der Gerechtigkeit oder Fairness ist. Diese in einer Rechtsgemeinschaft geltenden Prinzipien bilden den Rahmen moralischer Grundüberzeugungen, an der die Rechtsprechung sich orientieren soll. Was wird aber aus einer Rechtsgemeinschaft, so Klaus Günther, unter dem Druck der Globalisierung? Kann man von einer einheitlichen Konzeption der Gemeinschaftsmoral ausgehen, und ist diese Konzeption für das internationale Recht anwendbar? Rainer Forsts Vortrag konzentrierte sich auf die Begründung, die Dworkin in den Tanner Lectures von den zwei Prinzipien der menschlichen Würde gegeben hat: das Prinzip des intrinsischen Wertes eines guten Lebens und das Prinzip der persönlichen Verantwortung für die Gestaltung des eigenen Lebens. Eine auf die Bedingung der individuellen Autonomie gegründete Konzeption des guten Lebens sei, so Forsts Verdacht und Kritik, nicht universell rechtfertigbar und stehe mit dem Gebot der Toleranz in Spannung. Zentral für die Philosophie Dworkins ist, neben der Toleranzforderung, das Thema der Gleichbehandlung. Das war der Gegenstand des Vortrags von Stephan Gosepath. Jede einzelne bestehende ungleiche Verteilung, so Gosepath, stehe unter Rechtfertigungsdruck. Wenn kein Grund für eine ungleiche Verteilung besteht, gelte die Präsumption der Gleichheit. Hier hielt Dworkin entgegen: Wenn zwei Personen, so Dworkin, gleichwertige Aktien kaufen, die einen unterschiedlichen Ertrag bringen, wäre es falsch, dem erfolgreichen Spekulanten seinen Gewinn wegzunehmen. Der letzte Beitrag von Kurt Bayertz war den Beschlussfindungen von Ethikkommissionen und -expertisen und ihren Konsequenzen für unser moralisches Denken gewidmet. Dworkin sagte in seinem Kommentar, er gehe immer von konkreten Streitfällen aus und bewege sich von dort zu Abstraktionen. Dabei mache er allerdings, wie er in seiner Festrede am Abend betonte, die Voraussetzung, dass es eine richtige Antwort gibt - durch seinen idealen Richter Herkules.



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