Zentrum für interdisziplinäre Forschung
 
 

Literarischer Antisemitismus nach Auschwitz

Termin: 31. Januar - 02. Februar 2007

Leitung: Klaus-Michael Bogdal (Bielefeld), Klaus Holz (Villigst), Matthias N. Lorenz (Bielefeld)

"Jenseits der Feuilletonschlachten" - dies war der Anspruch, mit dem die Tagungsleiter VertreterInnen aus Soziologie, Geschichts- und Literaturwissenschaften an einen Tisch geladen hatten, um die aufgeregten Debatten um mögliche judenfeindliche Codierungen in literarischen Texten als seriöse Frage einer interdisziplinären Antisemitismusforschung zu etablieren. Die Zuspitzung der Perspektive auf deutschsprachige Texte, die nach dem Holocaust und somit mit Wissen um den Massenmord an den Juden entstanden sind, verschärften die Brisanz der Frage nach literarischem Antisemitismus noch. Umso mehr galt es daher, das Thema so behutsam als möglich anzugehen. Wer erwartet hatte, dass am ZiF nun Verbotstafeln für inkriminierte Texte aufgestellt würden, wurde enttäuscht. Stattdessen war ein Bogen aufgespannt worden, der die Tagung erst schrittweise an ihr Titelthema und die damit verbundenen Streitfragen heranführte.

Zunächst klärten die Antisemitismusforscher Klaus Holz (Villigst) und Werner Bergmann (Berlin) in soziologischen Impulsreferaten den Begriff Antisemitismus mit seinen besonderen Implikationen für die Zeit nach 1945. (Der vergleichende Beitrag des Historikers Michael Zimmermann über den bundesdeutschen Neologismus 'Antiziganismus' wurde ausgeteilt; Herr Zimmermann war kurz vor Tagungsbeginn verstorben.) In der anschließenden Debatte wurde der von Adorno beschriebene "Schuldabwehr-Antisemitismus", der die bundesrepublikanische Debatte bis heute prägt, ausgewechselt durch Konstruktionen, die das Wegsterben der tatsächlich Schuldigen berücksichtigen. So träfen 'Schuldvorwurfabwehr-Antisemitismus' oder 'Empathieverweigerung' vermutlich genauer die Befindlichkeiten Deutscher der dritten Generation nach dem Krieg.

Anschließend wurden in einer Sektion mit dem Titel 'Wer spricht?' Methodenfragen diskutiert, die entstehen, wenn die politische und moralisch aufgeladene Kategorie Antisemitismus auf das Feld der Kunst übertragen wird. Die Reflexionen von Mark H. Gelber (Beer-Sheva) und Mona Körte (Berlin) legten hier die Grundlagen für alle weiteren Diskussionen. Dabei wurde intensiv über Fragen diskutiert, die das literarische Spiel mit bekannten Bildern und die potentiell unabschließbare Vieldeutigkeit ästhetischer Texte ebenso ernst nahmen wie das Faktum, dass auch im literarischen Feld getätigte Sprechakte verletzen können. Wenn als 'wahre Literatur' Texte bezeichnet werden, die um ihre eigene Unlesbarkeit wissen - inwieweit weiß ein unter Antisemitismus-Verdacht stehender Film wie 'Die Passion Christi' von Mel Gibson dann um die seine? Lässt auch sie sich mit Kalkül instrumentalisieren? Einigkeit herrschte darüber, dass letztlich nur individuell an jedem einzelnen Text, der gewissenhaft zu kontextualisieren ist, über antisemitische Potentiale befunden werden kann.

Nachdem Florian Krobb (Maynooth) die Verfahren der klassisch antisemitischen Literatur des 19. Jahrhunderts in Erinnerung gerufen und Yahya Elsaghe (Bern) den mit Auschwitz verbundenen Umbruch in der Wahrnehmung der Juden und ihrer literarischen Gestaltung in einer Mikroanalyse von Thomas Manns Erzählwerk aufgezeigt hatte, widmeten sich die folgenden Referate Texten der Nachkriegs- und Gegenwartsliteratur. Dabei standen nicht nur Beispiele eines literarischen Antisemitismus wider Willen etwa bei Luise Rinser, Kurt Ziesel (Hans-Joachim Hahn, Leipzig) oder Gerhard Zwerenz (Micha Brumlik, Frankfurt am Main) zur Diskussion, sondern auch kanonisierte Autoren wie Max Frisch (Jan Philipp Reemtsma, Hamburg) und die Vertreter der Gruppe 47 (Michael Hofmann, Paderborn). Texte viel diskutierter Schriftsteller wie Günter Grass (Gilad Margalit, Haifa), Rainer Werner Fassbinder (Janusz Bodek, Frankfurt am Main) oder viel gelesener wie Bernhard Schlink (Matthias N. Lorenz, Bielefeld) wurden untersucht, wobei vor allem jene Ansätze goutiert wurden, die nicht nach der persönlichen Disposition des Autors fragten, sondern nach der diskursiven Funktion und Verwendung ihrer Texte. Kontrastiv hierzu wurden auch Umgänge mit dem Thema von deutsch-jüdischen (Norbert Otto Eke, Paderborn) und amerikanischen Autoren (Arnold Heidsieck, Los Angeles) vorgestellt, die - ebenso wie erschlichene Opferidentitäten in den 'Fällen' Binjamin Wilkomirski (Bruno Grosjean) oder Jakob Littner (Wolfgang Koeppen) (Willi Jasper, Potsdam) - verdeutlichten, dass die unterschiedliche Motivlage jüdischer und nichtjüdischer Autoren bei der Verwendung von jüdischen Stereotypen und Erfahrungen bedeutsam für deren Bewertung ist. Ergänzt wurde das Tableau von Beiträgen, die Anschlüsse suchten etwa in Richtung der Aufführungspraxis des Nachkriegstheaters bei der Inszenierung jüdischer Figuren wie Shylock und Nathan (Anat Feinberg, Heidelberg), in der grundsätzlichen Differenz von Oralität und Literalität in christlichen und jüdischen Traditionen (Christina von Braun, Berlin) oder in Kontinuitäten antisemitisch aufgeladener Kulturkritik (Andrea Geier, Marburg).

Begleitend zur Tagung war ein Doktorandenprogramm ausgeschrieben worden, das fünf erfolgreichen BewerberInnen mit einem Reisestipendium der Gerda Henkel Stiftung ermöglichte, ihre Dissertationsprojekte bei einer Posterpräsentation mit der am ZiF versammelten Forschergruppe zu diskutieren. Die Konferenz wurde zweimal im Tagungsverlauf für ein interessiertes Publikum geöffnet - mit Erfolg: Der Einladung zu einer Lesung des Wiener Lyrikers Robert Schindel, der Gedichte und Essays zum jüdisch-nichtjüdischen Verhältnis vortrug, folgten rund 120 Gäste in die Universitätsbibliothek; eine die Tagung beschließende Podiumsdiskussion am ZiF mit Schindel, Wolfgang Benz (Berlin) und Klaus-Michael Bogdal (Bielefeld) fand ebenfalls regen Zuspruch. Dem öffentlichen Interesse am Thema 'Literarischer Antisemitismus nach Auschwitz' trägt der Stuttgarter Verlag J.B. Metzler Rechnung, der die Tagungsergebnisse bereits im Herbst dieses Jahres publizieren wird.



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