Zentrum für interdisziplinäre Forschung
 
 

Kybernetische Ordnung und Kontingenz in den Künsten

Termin: 28. - 30. März 2007

Leitung: Hans Esselborn (Köln)

Die Tagung befasste sich mit dem Einfluss der Kybernetik und des Computers auf die Künste in Deutschland von den fünfziger Jahren bis heute in Computergraphik, interaktiven Installationen, elektroakustischer Musik, algorithmischer Lyrik und Science Fiction in Literatur und Film. Dabei war die Funktion der Kontingenz als kreative Unterbrechung einer starren und eintönigen Ordnung zu bedenken. Die wissenschaftlichen Vorträge wurden an beiden Abenden durch künstlerische Darbietungen ergänzt: Ludger Brümmer stellte eigene Kompositionen vor, H. W. Franke las aus neuen Veröffentlichungen (Die Zukunftsmaschine, Flucht zum Mars). Die Arbeitsgemeinschaft versammelte Pioniere der Computerkunst, Medienwissenschaftler und Spezialisten für Literatur, Film, Musik und bildende Kunst. Der erste Tag galt grundsätzlichen theoretischen Fragestellungen: Ellrich gab einen Überblick über die Rolle der Kybernetik im damaligen und heutigen philosophischen Diskurs, Rieger entwickelte die Vorgeschichte des heute maßgebenden Begriffs der Virtualität,. Franke führte mit den zellulären Automaten eine kybernetisch gesteuerte Entwicklung zwischen Zufall und Ordnung vor, und Pias zeigte die Abhängigkeit der Erkenntnis von Apparaten und die zunehmende Bedeutung der Computersimulation.
Der zweite Tag focussierte die Parallelen zwischen der Kybernetik und den Künsten: Scholl entwickelte am Beispiel der Musik von Foersters Vorstellung einer Kybernetik zweiter Ordnung, die zur Chaos-Theorie führt, Dotzler demonstrierte an einem interaktiven Kunstobjekt, wie der kybernetische Code mit Hilfe des Computers Realität schafft, Nake stellte sein frühes Beispiel eines interaktiven graphischen Kunstwerks vor, Esselborn beschrieb die Stufenfolge der kybernetischen Maschinen in der Science Fiction vom Asimovschen Roboter bis zur virtuellen Welt mit elektronischen Persönlichkeiten, Drux zeigte Möglichkeiten und Grenzen algorithmischer Ordnung in der modernen Lyrik, Rassiler versuchte Kommunikation und Textverstehen mit Hilfe eines kybernetischen Modells zweiter Ordnung zu erklären, Klein analysierte den verbreiteten Begriff des virtuellen Cyber Space an der Neuromancertriologie Gibsons, und Kreuzer führte die technische Manipulation von Identität und Gedächtnis in zwei neuen Science Fiction Filmen vor.
Am dritten Tag stand die Prokuktion mit Hilfe des Computers im Mittelpunkt: Erbe diskutierte das Verhältnis von Komponist und Computer und die Bedeutung kybernetischer Prozesse bei der Klangerzeugung und Komposition, Supper beschrieb besonders am Werk Kayns die Möglichkeiten eines automatischen oder algorithmischen Komponierens in der elektroakustischen Musik, und Piehler gab einen Überblick über die Geschichte der bildenden Kunst mit Hilfe des Computers als universeller Kunstmaschine.
Als Ergebnis der Tagung ist festzuhaltenkann, dass der zunächst inflationär verwendete Begriff der Kybernetik kaum mehr gebraucht wird, das Phänomen der Regelung aber allgegenwärtig ist. Der Computer als abstrahierende Maschine führte in der Kunstproduktion zu einem Abstand von persönlicher Erfahrung und konkretem Material, zur Betonung der Semiotik und der ästhetischen Muster. In den Künsten wirft die kybernetische Ordnung die Frage nach der Kreativität auf, die durch Zufallsgeneratoren und gezielte Abweichungen von algorithmischen Regeln realisiert wird.



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