Zentrum für interdisziplinäre Forschung
 
 

Vom Bauhaus zu Ikea

Termin: 15. - 17. November 2007

Leitung: Anja Baumhoff (Loughborough), Magdalena Droste (Cottbus)

In Kooperation mit dem Institute for Cultural Studies in the Arts (ICS), Züricher Hochschule der Künste

›Aus der Entfernung‹, warf Theodor W. Adorno in den vierziger Jahren den Blick zurück auf das ›alte‹ Europa, sei ›der Unterschied von Wiener Werkstätte und Bauhaus nicht mehr so erheblich‹. Der erzwungene Abstand durch das amerikanische Exil veränderte Adornos Sicht auf eine Moderne, die vorgab, sich in einer einzigen, gewollten Bewegung von aller bisherigen Tradition zu verabschieden. So kränkend das Verdikt für die Bauhaus-Meister gewesen sein mag und so überzeugt Walter Gropius ihm sein Stildiktat entgegensetzte, waren es wohl tatsächlich erst diese Wanderungsbewegungen und die Aneignung durch andere Kulturen, die die Tragfähigkeit der Bauhaus-Idee auf die Probe stellten, um auf ihren traditionsbildenden Kern vorzustoßen.
So könnte auch das 2009 anstehende 90. Gründungsjubiläum des Bauhauses - und das 80jährige des MoMAs, das sich in seiner Nachfolge sieht - zum Aufmarschgebiet der Erbeverwalter werden. Während das kulturpolitische Interesse an der Fortschreibung des Bauhaus-Mythos schon heute am Horizont aufscheint, liefert das Datum immerhin auch die Gelegenheit zu einer kritischen Inspektion. In einem ersten Anlauf unternahm das diese Tagung unter der programmatischen Flagge ›Die Bauhaus Moderne und ihre Mythen‹. Weitläufige historische Grabungen, so die in England lehrende Kunsthistorikerin Anja Baumhoff einführend, seien notwendig, um die zur Natur geronnene Geschichte des Bauhauses freizulegen. Der Monolith aus Stilempfinden, Materialversessenheit und Neuem Bauen ragt wie ein Leuchtturm aus dem Fels der Moderne, und es waren ihre Protagonisten selbst, die die Signale an die Nachgeborenen gaben. Bei genauerer Besichtigung allerdings erweist sich, dass ›das‹ Bauhaus so wenig eine Einheit bildete, wie sich sein Stil in Primärfarben, Grundformen oder Flachdächern erschöpfte. Wo auf der einen Seite strenge Wissenschaftlichkeit den Stift oder den Pinsel führte, schlug das Pendel auf der anderen in Richtung Esoterik und Metaphysik aus. Die nach dem Ersten Weltkrieg, so Klaus von Beyme, allgemein heraufziehende Sehnsucht nach Religion schuf sich im Bauhaus eine eigene Kunstreligion und einen Tempel, aus dem die ›Tempelschänder‹ (Gropius), sprich: die Handwerker, vertrieben werden mussten. Ein Opfer war der Architekt Leopold Fischer, dessen kundige Konkurrenz der Meister nicht ertrug.
Die satte lebensphilosophische und esoterische Tränkung des Bauhauses lässt der ›zweite Lehrkörper‹, den der Philosoph Peter Bernhard in detektivischer Kärnerarbeit rekonstruiert hat, erahnen. Die Namen der über 100 Gastreferenten - von Eduard Spranger über Hans Prinzhorn (›Bildnerei der geistig Kranken‹) bis hin zu Graf Keyserling - dokumentieren die am Bauhaus zirkulierenden Strömungen, die, so die zeitgenössische linke Kritik, gegen die ›materialistischen Auffassungen vom Menschen‹ gerichtet waren. Zur Starriege gehörte auch Hellmuth Plessner, was Helmut Lethen (mittlerweile Direktor des Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften in Wien) einmal mehr Gelegenheit gab, die anthropologische Grundierung des Bauhauses als ›Trainingsraum der Moderne‹ auszuloten. Die von Plessner vorgeschlagene Einwanderung der Form ins Innere des Lebens - am Bauhaus als universaler Gestaltungsanspruch realisiert - eröffnete theoretisch auch Frauen neue Möglichkeiten. Allerdings lebte sich in der ›neutral‹ daher kommenden Form auch dort wieder einmal nur der männliche Schöpfungskult aus und unterlief, wie die beiden Veranstalterinnen Anja Baumhoff und Magdalena Droste nachdrücklich vorführten, den proklamierten geschlechterdemokratischen Anspruch.
Heutzutage spiegelt sich die Bauhaus-Idee in den Niederungen der Konsumkultur. So wie die amerikanische Moderne das Bauhaus in sich aufsog oder Israel die Idee für sich fruchtbar machte und sich dabei ganz signifikant die ursprünglichen Bedeutungen verschoben (Regina Göckede), so kommt heute das Bauhaus zu sich bei Ikea-global: im Wohnmöbel für das Existenzminimum. Im magischen Dreieck zwischen dem Berliner Bauhaus-Archiv und den Einrichtungen in Weimar und Dessau liegt das schwedische Möbelhaus, das zweckdienlich und lukrativ realisiert hat, was das Bauhaus wollte.



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