Zentrum für interdisziplinäre Forschung
 
 

Latina/o Images für das 21. Jahrhundert: Interethnische Beziehungen und die Repräsentationspolitiken der Vereinigten Staaten

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Termin: 10. - 12. Januar 2008

Leitung: Gabriele Pisarz-Ramírez (Leipzig), Gary Keller (Tempe), Josef Raab (Duisburg-Essen) Sebastian Thies (Bielefeld)

Diese interdisziplinäre Fachkonferenz war gleichzeitig die sechste internationale Tagung des seit 2002 an der Universität Bielefeld eingerichteten Forschungsschwerpunkts Inter-Amerikanische Studien, der die Erforschung von kulturellen, sozialen, historischen, politischen und sprachlichen Veränderungsprozessen der Amerikas im Rahmen des komparativen Ansatzes der hemisphärischen Amerikastudien zum Ziel hat.
Die durch das ZiF und die Thyssen-Stiftung geförderte Tagung fand in Vorbereitung der Forschungsgruppe ›E pluribus unum?: Ethnische Identitäten in transnationalen Integrationsprozessen der Amerikas‹ statt und fokussierte die in den USA lebenden Latinas/Latinos, die mit knapp 40 Millionen Menschen mittlerweile die zahlenmäßig größte sich über Ethnizität definierende Bevölkerungsgruppe darstellen. Ihr ökonomisches, politisches und kulturelles Gewicht ist rasant gewachsen, was sich insbesondere an der virulenten Diskussion um die Integrationspolitik gezeigt hat. Diese ›Lateinamerikanisierung‹ der USA verändert nicht nur das Selbstverständnis der US-Gesellschaft, sie bringt auch eine grundlegende Verschiebung in den Imaginarien des Ethnischen hinsichtlich der existierenden Selbst- und Fremdbilder von Latinas/os in den USA mit sich. So ist von offizieller Seite das Bemühen zu erkennen, die zahlreichen binational geprägten Einzelgruppen der Mexican Americans, Cuban Americans, Nuyoricanos etc. als eine einheitliche Ethnie zu behandeln. Diese Resemantisierungen des Ethnischen sind hierbei ein deutliches Zeichen dafür, wie weit Integrations- und Repräsentationspolitiken ineinander greifen und warum Latina/o Images - weit über den Bereich der Kulturproduktion hinaus - in allen Bereichen des sozialen, politischen und wirtschaftlichen Lebens Gegenstand umfangreicher Neuaushandlungen sind.
Vor diesem Hintergrund hat die Arbeitsgemeinschaft ein breites interdisziplinäres Forum von Experten aus den Sozial-, Geistes- und Kulturwissenschaften zusammengeführt, um in umfassender Weise die soziale Funktion und den Wandel der Imaginarien des Ethnischen in den USA am Umbruch zum neuen Millennium zu ergründen. 23 Wissenschaftler und Kulturschaffende aus den USA, Lateinamerika, den Niederlanden und Deutschland nahmen die Veränderungsprozesse seit den 1990er Jahren in den Blick und gingen der Frage nach, welche Funktionen Konzepte und Bilder des Ethnischen in den Bereichen Bildung, Arbeitsmarkt, politische Repräsentanz, Gender und Familie erfüllen. So untersuchte Yvonne Yarbro-Bejarano von der Stanford University in ihrem Plenarvortrag, mittels welcher ästhetischer Strategien es der in Los Angeles lebenden Künstlerin Diane Gamboa in ihrem Werk Invasion of the Snatch gelingt, Gender-Gewalt zu thematisieren, ohne sie explizit zu zeigen und (Latina) Frauen in der Opferrolle darzustellen. Weiterhin fokussierten die Referenten die Frage nach der Organisationsform der Proteste von Latinos/as gegen die aktuelle Einwanderungspolitik der USA. Ebenso wurde hinterfragt, wie Imaginarien des Ethnischen in das literarische und mediale Kulturschaffen eingehen. In diesem Kontext wurde auch der bislang kaum beachtete Beitrag verschiedener Latino-communities zur amerikanischen Rockmusik aufgezeigt. Schließlich beschäftigten sich die Tagungsteilnehmer mit der Frage, inwiefern politische und mediale Repräsentanz, geografische Streuung, Medienzugang und soziale Mobilität Selbst- und Fremdbilder von Latinas/os verändert haben und wie Latinas und Latinos Vorstellungen von einer amerikanischen ›Norm‹ revidieren.
Die wachsende Bedeutung der Latina/o-Bevölkerung in den USA schlägt sich auch im Alltagsleben und in der Kulturszene der USA nieder. Begleitend zur Tagung wurde am ZiF die Ausstellung Da-Sein - Zeitgenössische US-Latina/o Kunst eröffnet, die 20 Arbeiten zeigt. Alle Werke stammen aus der Sammlung des Hispanic Research Center (HRC) an der Arizona State University in Tempe, der weltweit größten Sammlung von US-Latina/o Kunst. Gary Keller, der Leiter des HRC, führte in die Ausstellung ein, und mit der Anwesenheit der teilnehmenden Künstlerin Cristina Cárdenas und ihrem Vortrag über ihr Werk gelang außerdem ein Brückenschlag zwischen theoretischen Diskussionen und kultureller Praxis. In ähnlicher Weise konnte der Dokumentarfilmer Paul Espinosa mit einem Überblick über sein filmisches Schaffen der letzten Jahre, das sich v.a. auf die US-mexikanische Borderland-Region konzentrierte, einen Einblick in die kulturelle Praxis des Dokumentarfilms geben.



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