Zentrum für interdisziplinäre Forschung
 
 

Politische Korruption in historischer Perspektive

Termin: 20. - 22. Februar 2008

Leitung: Matthias Braasch (Bielefeld), Niels Grüne (Bielefeld), Simona Slanicka (Bielefeld), Andreas Suter (Bielefeld)

Vom 20. bis 22. Februar 2008 fand im ZiF eine Arbeitsgemeinschaft zum Thema ›Politische Korruption in historischer Perspektive‹ statt. Die Konferenz wurde von den Bielefelder HistorikerInnen Niels Grüne, Simona Slanicka und Andreas Suter und dem Strafrechtler Matthias Braasch organisiert und in Kooperation mit dem Sonderforschungsbereich 584 ›Das Politische als Kommunikationsraum in der Geschichte‹ ausgerichtet. Ziel der Tagung war es, die Chancen und Grenzen eines fächerübergreifenden Dialogs in der Untersuchung von Korruptionsphänomenen auszuloten. Demgemäß trafen sich rund 40 VertreterInnen der Geschichtswissenschaft, Ethnologie, Soziologie, Theologie sowie der Politik-, Wirtschafts- und Rechtswissenschaft. Auf der Basis von 19 Einzelreferaten diskutierten sie die in den verschiedenen Disziplinen dominierenden normativen, analytischen und anwendungsorientierten Korruptionskonzepte und erörterten deren Erklärungskraft im Rahmen historischer Fallstudien.
Zur Eröffnung lenkte Willibald Steinmetz als Sprecher des SFB den Blick auf die Möglichkeiten einer Einbettung der Korruptionsforschung in eine Diskurs- und Kulturgeschichte des Politischen. Seitens der Organisatoren skizzierte anschließend Simona Slanicka vor dem Hintergrund jüngerer Korruptionsaffären einige Aspekte der historischen Beschäftigung mit der Thematik. Die fünf sozialwissenschaftlichen Referate der ersten Sektion am Mittwoch unter der Leitung von Gerd Schwerhoff galten ›konzeptionellen Orientierungen und theoretischen Interpretationsansätzen‹ und dienten damit der grundlegenden Begriffs- und Methodenbestimmung. Daran anknüpfend widmeten sich am Donnerstag in der von Christian Windler moderierten zweiten Sektion fünf HistorikerInnen dem Komplex ›Sozialkapital und Systemfunktionalität: ›korrupte‹ Netzwerkressourcen?‹, womit vor allem auf den sich wandelnden gesellschaftlichen Status personaler Verflechtungsstrukturen abgehoben wurde. Die von Lars Behrisch geleitete dritte Sektion versammelte unter dem Titel ›Korruption als politisch-moralisches Argument: Vokabulare, Kritiken, Konflikte‹ eine Reihe von Fallstudien zur ethisch-religiösen Aufladung, verfassungsstrukturellen Rückbindung und politischen Instrumentalisierung von Korruptionsdiskursen. Den Abschluss bildete am Freitag die Sektion ›Im Visier der dritten Gewalt: Aufklärung - Kriminalisierung - Prävention‹, die im Zeichen der anwendungsbezogenen Rechts- und Wirtschaftswissenschaften stand und sich in vier Referaten mit Problemen des Straf- und Zivilrechts sowie der strategischen Korruptionsbekämpfung beschäftigte.
Insgesamt hat die Tagung der wissenschaftlichen Auseinandersetzung um einen interkulturell und diachron angemessenen Umgang mit dem Thema ›Korruption‹ entscheidende Impulse gegeben. Hierbei stellt sich auch in verschärfter Form die alte Frage nach der Spezifik der europäischen Entwicklung mit ihrer frühen und dann global ausstrahlenden Herausbildung staatlicher Institutionen und der relativ strikten Trennung zwischen öffentlicher und privater Handlungssphäre. In methodischer Hinsicht schälte sich als antiessentialistischer Konsens heraus, dass ›Korruption‹ nicht als feste Eigenschaft bestimmter Verhaltensweisen aufzufassen sei, sondern als variable Zuschreibungskategorie der sie begleitenden und die politische Kommunikation prägenden Deutungsmuster und diskursiven Praktiken betrachtet werden müsse. Entsprechend verlagert sich die Frage nach langfristigen Veränderungen und dem Korruptionsgrad unterschiedlicher Gesellschaften zu wesentlichen Teilen auf die Ebene sozial eingebetteter Werteordnungen und der Konstruktion von Devianz. Umstritten blieb allerdings, ob darüber hinaus ein am modernen Begriffsverständnis orientiertes Analysekonzept (z.B. Vorteilsnahme und -gewährung, Bestechung, Amtsmissbrauch) notwendig sei, um den engeren Gegenstandsbereich einer historischen Korruptionsforschung zu profilieren und von wichtigen Kontextphänomenen wie Patronagebeziehungen, Gabentausch, allgemeiner Herrschaftskritik oder theologisch-moralischen Verfallsvorstellungen abzugrenzen. Aus interdisziplinärer Sicht steht dieser noch junge Zweig der Geschichtswissenschaft somit vor der Wahl, sich eher an ethnologische oder an soziologische Zugangsweisen anzulehnen.



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