Zentrum für interdisziplinäre Forschung
 
 

Franz Boas (1858 - 1942). Wissenschaft, Politik, Mobilität

Termin: 12. - 14. Juni 2008

Leitung: Hans-Walter Schmuhl (Bielefeld)

Der in Minden geborene, 1887 in die USA emigrierte Franz Boas gilt gemeinhin als der erste professionelle Anthropologe Amerikas, als Begründer der cultural anthropology und als leidenschaftlicher Gegner jeder Form des wissenschaftlichen Rassismus. Aus Anlass seines 150. Geburtstages traf sich am Zentrum für interdisziplinäre Forschung der Universität Bielefeld eine Arbeitsgemeinschaft von WissenschaftlerInnen aus Deutschland, Österreich und Kanada, um bislang wenig beachtete Aspekte der Boas-Forschung zu diskutieren. In der interdisziplinär angelegten Forschergruppe waren die Allgemein- und Wissenschaftsgeschichte, Ethnologie, Geographie, Linguistik, Religionswissenschaft und Soziologie vertreten.
Edith Hirte (Berlin) stellte die erste große Konfrontation des jungen, sich gerade in der amerikanischen Wissenschaftslandschaft etablierenden Franz Boas mit der bis dahin vorherrschenden kulturevolutionistischen Schule auf der Weltausstellung in Chicago im Jahre 1893 dar. Mit seinem Ausstellungskonzept des tribal arrangement wandte sich Boas gegen die damals gängige Vorstellung, dass alle Kulturen verschiedene Entwicklungsstadien durchlaufen, die schließlich in der okzidentalen Zivilisation gipfeln. Eva Kudraß (Berlin) zeigte, dass Boas der zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Deutschland entstehenden kulturgeschichtlichen Ethnologie kritisch gegenüberstand, obwohl diese - wie die cultural anthropology - gegen kulturevolutionistische Stufenschemata ablehnte.
Christian Geulen (Koblenz) arbeitete in seinem Referat heraus, dass Boas' Abgrenzung vom Rassismus seiner Zeit Gefahr lief, seinerseits in einen Kulturdeterminismus abzugleiten, der vor der Idee eines groß angelegten social engineering ebenso wenig zurückscheute wie der biologische Determinismus. Veronika Lipphardt (Berlin) analysierte Boas' Beziehungen zu dem Netzwerk deutsch-jüdischer Biowissenschaftler. Manchen von ihnen verhalf Boas zur Emigration aus dem nationalsozialistischen Deutschland. Bemerkenswert ist, dass Boas deren Forschungen zu erbphysiologischen, erbpsychologischen und erbpathologischen Fragen, die sich mit den Erkenntnisinteressen der deutschen Rassenforschung berührten, unterstützte. Hans-Walter Schmuhl (Bielefeld) zeigte am Beispiel des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik, dass Boas' anthropometrische Untersuchungen zu süd- und osteuropäischen Immigranten in New York von der nationalsozialistischen Rassenforschung durchaus anerkannt wurden, diese aber durch den Brückenschlag zwischen physischer Anthropologie und Humangenetik neue Wege eingeschlagen hatte.
Doris Kaufmann (Bremen) würdigte Boas' Beitrag zur Entdeckung der ›primitiven Kunst‹, deren Bedeutung als Schlüssel zum Verständnis indigener Kulturen er erkannte. Doch erschöpfte sich seine Interpretation ›primitiver Kunst‹ in der Dekonstruierung kulturevolutionistischer Vorstellungen. Den Stilbegriff der Kunstwissenschaft und -geschichte griff er nicht auf - die Entdeckung des indigenen Künstlers blieb seinen SchülerInnen vorbehalten. Ähnlich konstatierte Mario Bührmann (Berlin), dass Boas' Werk manch ungehobenen Schatz für die aktuelle Ritualforschung bereithält. In seinen empirischen Studien interessierte sich Boas für fehlerhaft ausgeführte, scheiternde Rituale, wodurch das Moment des Risikos und der Dynamik hervorgehoben wird, in seinen theoretischen Schriften betonte er hingegen die stabilisierende Funktion von Ritualen. Utz Maas (Osnabrück) hob die Bedeutung Boas' für die Sprachwissenschaft hervor. Als radikaler Deskriptivist habe Boas eine "Schallmauer sprachwissenschaftlicher Forschung durchbrochen". Anders als sein Schüler Edward Sapier war Boas nicht an historischer Sprachgenese interessiert und lehnte die Suche nach Gesetzmäßigkeiten des Sprachwandels als "Lizenz zum Rassismus" ab. An einem konkreten Beispiel, den sermonisierten Sprechgesängen (nawésari) der Tarahumara/Mexiko, zeigte Claus Deimel (Dresden) die Probleme deskriptiver Sprachwissenschaft auf.
Ludger Müller-Wille (Montreal) würdigte Boas' Expedition nach Baffin Island/Kanada 1883/84 als einen der ersten Versuche, durch ›teilnehmende Beobachtung‹ eine indigene Kultur zu verstehen. Bemerkenswert ist, dass die von Boas gezeichneten Karten und seine Aufzeichnungen zur Toponymie für die ›Erbeaneignung‹" heutiger Inuit von großer Bedeutung sind. In einer öffentlichen Lesung trug der Schauspieler Bernd Gieseking (Dortmund) aus den während der Expedition nach Baffin Island geführten Tagebüchern Franz Boas' und seines Dieners Wilhelm Weike vor.
Friedrich Pöhl und Bernhard Tilg (Innsbruck) beleuchteten Franz Boas' durchaus ambivalenten Umgang mit den Rechten indigener Völker - einerseits hatte er, wie alle seine Kollegen, wenig Skrupel, Schädel und Knochen von Indigenen durch Kauf oder Grabraub an sich zu bringen, andererseits setzte er sich vehement für die Aufhebung des Potlatch-Verbotes ein - und sein Engagement für die frühe schwarze Bürgerrechtsbewegung in den USA. Silke Hensel (Münster) analysierte Boas' Beitrag zu den Debatten um die zu Beginn des 20. Jahrhunderts zunehmend restriktiver werdende US-amerikanische Einwanderungspolitik. Mit seiner Immigrationsstudie versuchte Boas, die rassische Diskriminierung süd- und osteuropäischer Immigranten mit wissenschaftlichen Mitteln zu bekämpfen.
Ulrich Bielefeld (Hamburg) charakterisierte Franz Boas als Menschen und Wissenschaftler zwischen dem 19. und dem 20. Jahrhundert. Als politischer Mensch den Ideen der Aufklärung und des Liberalismus verbunden, als Wissenschaftler einer streng naturwissenschaftlichen Methodik verpflichtet, gelang es ihm, kulturevolutionistische Theorien zu dekonstruieren und zu einem konsequenten Kulturrelativismus vorzudringen, der indessen in einem Spannungsverhältnis zu seinem Glauben an die Universalität wissenschaftlicher Vernunft stand. Hier sind Ansätze erkennbar, die auf aktuelle Konzepte eines rooted cosmopolitism verweisen.

Im Rahmen der Tagung fand am 13. Juni eine öffentliche Lesung mit Bernd Gieseking statt.



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