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Schmuggel als Lebensstil? Ökonomische Strategien und soziale Prozesse an der Peripherie der EU: Eine Fallstudie des polnisch-russischen Grenzgebietes

Termin: 29. - 30. April 2009

Leitung: Mathias Wagner (Bielefeld), Wojciech Łukowski (Warschau), Ulrich Mai (Bielefeld)

Auf dieser Konferenz wurden die Ergebnisse eines von der VolkswagenStiftung geförderten Forschungsprojektes zur sozialen und ökonomischen Situation im Grenzgebiet an der EU-Ostgrenze zwischen Polen und Russland einem internationalen Fachpublikum zur Diskussion gestellt. Der Fokus der Untersuchung lag auf den Strategien des grenzüberschreitenden Kleinhandels resp. Schmuggels von Zigaretten, Alkohol und Treibstoffen aus der russischen Exklave Kaliningrad nach Polen. In einjährigen Feldforschungen hatten Mathias Wagner und Doktoranden und Doktorandinnen aus Bielefeld, Warschau und Kaliningrad die Schmuggler bei ihren Tätigkeiten begleitet.
Die Forschungsergebnisse wurden in Vorträgen deutscher, polnischer und tschechischer Wissenschaftler mit anderen Untersuchungen entlang der EU-Ostgrenzen zu Moldawien, der Ukraine, Weißrussland sowie mit der Situation an der Grenze zwischen Polen und Deutschland verglichen. Erweitert wurde die Perspektive durch Vorträge zur Situation verarmter Bevölkerungsschichten entlang der polnischen Ostgrenze sowie einer raumgeographischen Interpretation des Grenzlandes und einer historisch-soziologische Betrachtung von Grenzen.
Vor dem Hintergrund der historischen Entwicklung seit 1990 entstand im Zuge der Systemtransformation in Polen eine neue soziale Differenzierung, die zur Verarmung einer breiten Bevölkerungsschicht führte, für deren ökonomische Absicherung nur mangelhafte sozialstaatliche Instrumentarien zur Verfügung stehen. Mit dem Zuwachs der Arbeitslosigkeit steigerte sich die Relevanz des informellen Sektors. Neben bäuerlicher Subsistenzwirtschaft, staatlicher Sozialunterstützung und Arbeitsmigration stellt der Schmuggel und Kleinhandel (›Kofferhandel‹) die wichtigste Überlebensstrategie der Bevölkerung dar. Eine erweiterte Perspektive ergibt sich, wenn der Schmuggel als Teil umfassender Überlebensstrategien innerhalb einer regionalen Armutsökonomie interpretiert wird. Armut wurde zum Ausdruck einer kumulierten Folge umfangreicher Probleme, die neben historischen Faktoren auch soziale Machtstrukturen und politischer Entscheidungen umfasst. Vor diesem Hintergrund stellt der Schmuggel keinen Rückzug aus der Gesellschaft dar, sondern ist als rationaler Ausweg zur Vermeidung sozialer Ausgrenzung zu analysieren.



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