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Die Renaissance der Heilquellen in Italien und Europa von 1200 bis 1600. Geschichte, Kultur und Vorstellungswelt - Il Rinascimento delle fonti termali in Italia e in Europa dal 1200 fino al 1600. Storia, cultura e immaginario

Termin: 15. - 16. April 2011

Leitung: Didier Boisseuil (Tours), Hartmut Wulfram (Bielefeld)

Die Tagung war in drei Sektionen geteilt. Die erste Sektion der Tagung war der Geschichte und Kultur der Heilquellen gewidmet: Anna Esposito (Rom) untersuchte die Wiedergeburt der Thermen von Viterbo im 15. und 16. Jahrhundert, an der die päpstliche Kurie und die Kardinäle großen Anteil hatten. Nach einem Blick auf die Vorgeschichte, besonders auf Girolamo da Viterbo, einem medizinisch interessierten Notar aus der Mitte des 14. Jahrhunderts, und dem Protoarzt Giulio Durante, wurde die Bädergesetzgebung der Kommune von Viterbo sowie der allmähliche Ausschluss der Juden beleuchtet. Michele Maritan (Padua) illustrierte anhand von pflanzlichen und tierischen Ablagerungen rund um die Thermen von Montegrotto (Padua), wie die Gegend in der Antike und vor allem im Spätmittelalter wirtschaftlich genutzt worden ist. David Chambers (London) präsentierte die wichtigsten Charakteristika der Thermen von Poretta, wie sie von Ärzten des Spätmittelalters diskutiert wurden (Tura di Castello, Ugo Benzi, Ugo da Siena, Ugolino da Montecatini, Michele Savonarola), und stellte die Verwaltung durch das rund 50 km entfernte Bologna dar. Das besondere Augenmerk lag auf der Gefährlichkeit des Wassers, die anlässlich des Todes von Kardinal Francesco Gonzaga die Gemüter erregte. Birgit Studt (Freiburg i.Br.) stellte die deutschen Bäder des Spätmittelalters als Orte verlagerter Urbanität (Heterotopie) heraus, wobei sie sich auch auf literarische Zeugen wie den italienischen Humanisten Poggio Bracciolini stützte. Ein Umzug ins Bad musste gut organisiert sein, wie Briefe und Rechnungen belegen. Zugleich gelangten die Thermalkurorte zu ansehnlichem Reichtum. Pius Kaufmann (Zug) stellte die Entwicklung der Badefahrten und ›Naturbäder‹ im 15. und 16. Jahrhundert im Gebiet der Schweiz heraus, wobei er sich auf verschiedene Protokolle stützte sowie vor allem auf das Werk des Juristen Felix Hemmerli (1388/89 – 1458/61), der von der rekreativen Kraft der Heilbäder überzeugt war.

Die zweite Sektion der Tagung war der Theorie der Heilquellen gewidmet: Christian Schulze (Bochum) untersuchte die Heilquellen und die Hydrotherapie in der lateinischen Fachliteratur des 1. Jahrhunderts n. Chr., die in der Renaissance ausgiebig rezipiert wurde. Auf Basis von Plinius und Celsus, aber auch weiteren Autoren, erstellte er ein Repertorium antiker Thermalquellen und unterzog dieses einer eingehenden Analyse. Verschiedene Heilpraktiken und die Verlässlichkeit der Textaussagen wurden in den Blick genommen. Didier Boisseuil (Tours/Rom) und Marilyn Nicoud (Avignon) wandten sich der zu Anfang des 15. Jahrhunderts entstandenen Schrift De balneis aus der Feder des Arztes Francesco da Siena zu. Der den italienischen Bädern gewidmete Traktat ist nur in einer Handschrift überliefert und wurde bisher von der Forschung vernachlässigt. Der Vortrag untersuchte das Manuskript kodikologisch, biographisch und inhaltlich (naturwissenschaftliche Gedankenwelt, Vorrang der Empirie vor antiken oder arabischen Schriftquellen). Concetta Pennuto (Tours) untersuchte speziell, welche Möglichkeiten im späten 16. Jahrhundert der aus den Abruzzen stammende Arzt Donato Antonio Ferri sah, die gerade in höheren Kreisen weit verbreitete Gicht balneologisch zu therapieren. Massimo Danzi (Genf) wandte sich dem bedeutenden Schweizer Humanisten und Naturforscher Conrad Gessner (1516-1565) zu. Der Intention, der Struktur und den literarischen Prätexten von Gessners Schrift De Germaniae et Helvetiae thermis (1553) wurde auf den Grund gegangen. Frank Fürbeth (Frankfurt a.M.) erschloss bisher wenig bekannte deutschsprachige balneologische Bestseller aus dem 16. Jahrhundert. Die Bäderkompendien des Paracelsus (postum 1562), des Straßburger Stadtarztes Gallus Etschenreutter (1571) und des Stadt- und bischöflichen Leibarztes Tabernaemontanus (1581) wurden inhaltlich und nicht zuletzt editionsgeschichtlich in den Blick genommen.

Die dritte Sektion der Tagung war abschließend der Vorstellungswelt der Heilquellen gewidmet: Hartmut Wulfram (Bielefeld) besprach zwei höchst unterschiedliche Gedichtsammlungen, De balneis Puteolanis von Petrus de Ebulo (ca. 1210-1220) und Baiae von Giovanni Pontano (zwischen 1473-1502), die den Thermalquellen am Golf von Neapel gewidmet sind. Zusammengenommen ergeben sie eine enzyklopädische ›Topographie‹ vor antikem Hintergrund. Martin Dreischmeier (Bielefeld) untersuchte detailliert den mit Abstand umfangreichsten Elfsilbler aus Giovanni Pontanos Gedichtsammlung, das aitiologische Epyllion 2,37, in dem Amor die Heilquellen von Baiae weiht. Die große erotische Wirkung gerade dieser Thermalquellen, von der schon die Antike berichtete, bekommt somit eine mythische Erklärung. Stephan Busch (Trier) wandte sich einem virtuosen griechischen Epigramm des italienischen Humanisten Lattanzio Tolomei zu (gestorben 1543), auf das bis heute die Besucher des alten sienesischen Thermalbades Bagno Vignoni stoßen. In einer eingehenden Analyse wurden die Wirkungsabsichten und zumal die literarischen Bezugstexte aus der reichen Tradition antiker Bäderdichtung (besonders aus der Anthologia Graeca) beleuchtet. Simone Loleit (Duisburg-Essen) spürte den Wildbädern in fiktionalen Texten der deutschen Literatur des 16. Jahrhunderts nach, die aus der Feder von Hans Sachs sowie von anonymen Autoren aus reformatorischem Umfeld stammen. Verspottende, moralisierende, allegorisierende und konfessionelle Aspekte konnten herausgearbeitet werden. Cécile Beuzelin (Tours) lieferte eine ergänzende Studie zur Ikonographie. Anhand eines Gemäldes von Franciabigio Betsabea im Bad und der Brief des Uria (1523) ging sie der Frage nach, wie sich die tatsächliche Badepraxis in der zeitgenössischen Malerei niederschlug. Besonderes Augenmerk lag auf der Darstellung des nackten Körpers, zumal des weiblichen, in der Florentiner Malerei des frühen 16. Jahrhunderts.

Teilnemerinnen und Teilnehmer

Cécile Beuzelin (Paris), Stephan Busch (Trier), David Sanderson Chambers (London), Massimo Danzi (Genf), Martin Dreischmeier (Bielefeld), Anna Esposito (Rom), Frank Fürbeth (Frankfurt am Main), Pius Kaufmann (Zug), Simone Loleit (Essen), Michele Maritan (Padua), Marilyn Nicoud (Avignon), Concetta Pennuto (Tours), Christian Schulze (Bochum), Birgit Studt (Freiburg i.Br.)



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