Zentrum für interdisziplinäre Forschung
 
 

Zukunftsexpertise Zur Generierung, Legitimierung, Verwendung und Anerkennung von Zukunftswissen

Termin: 23. - 25. Januar 2013

Leitung: Daniel Barben (Aachen, GER), Alfons Bora (Bielefeld, GER) und Sascha Dickel (Berlin, GER)

Im Spannungsfeld von Innovationsmanagement, Forschungspolitik, Foresight und Technikfolgenabschätzung ist ein Bereich der 'strategischen Intelligenz' entstanden, der Zukunftsexpertise für gesellschaftliche Herausforderungen anbietet. Dass eine solche Form von Zukunftsexpertise ein Desiderat moderner Gesellschaften ist, zeigen nicht nur aktuelle Institutionalisierungsformen von Technikfolgenabschätzung und Zukunftsforschung. Angesichts drängender Zukunftsprobleme in den Grenzbereichen unserer technologischen Kultur, wie sie etwa in der Frage einer Steuerung des Klimas durch Climate Engineering oder Visionen von Eingriffen in die menschliche Natur durch Bio- und Nanotechnologie zum Ausdruck kommen, wird vielmehr deutlich, dass eine Beschäftigung mit den langfristigen Folgen aktueller Entscheidungen (insbesondere für die Politik) unabweisbar geworden sind.
In einer Gesellschaft, die von technischer Beschleunigung, einer ansteigenden Informationsflut und zunehmenden globalen Interdependenzen bestimmt wird, ist der Status von Wissenspraktiken, die auf eine Vorausschau komplexer Entwicklungen abzielen, jedoch notwendigerweise fragil. Die Leitfrage der Arbeitsgemeinschaft war daher, wie Zukunftsexpertise unter diesen Bedingungen generiert, legitimiert, verwendet wird und soziale Anerkennung findet. Dabei wurden historische, philosophische und sozialwissenschaftliche Perspektiven aufeinander bezogen.
Ein zentrales Resultat der Arbeitsgemeinschaft war, dass Zukunftsexpertise, sobald sie sich auf das langfristige Zusammenspiel sozialer und technischer Entwicklungen bezieht, kaum mehr in der Lage ist, eindeutige Prognosen zu produzieren. Entsprechend skeptisch muss der Anspruch auf eine wissensbasierte Gesellschaftssteuerung betrachtet werden, der in den technokratischen Programmatiken früherer Formen von Zukunftsexpertise noch vertreten wurde.
An die Stelle technokratischer Prognosen ist heute typischerweise die Konstruktion alternativer Szenarien getreten, die nicht mehr in erster Linie im Sinne ihrer Vorhersagekraft bewertet werden können (was ohnehin nur ex post möglich wäre), sondern sich vielmehr an ihrer gegenwärtigen epistemischen Qualität und sozialen Robustheit messen lassen müssen. Eine solche Zukunftsexpertise wird daher nicht zuletzt immer auch eine Zukunftsaushandlungsexpertise sein.
Die Fähigkeit, soziale Prozesse in Gang zu setzten, in denen ein Diskurs über Zukunft möglich ist, der zu Resultaten führt, die bestehende Routinen der Gegenwart tatsächlich zu irritieren vermögen, statt sie einfach nur zu reproduzieren, scheint daher eine wichtige Anforderung an eine Zukunftsexpertise zu sein, die zur Zukunftsfähigkeit moderner Gesellschaften einen Beitrag leisten will.
In einer Spannung dazu steht die Anforderung an Zukunftsexpertise, sozial anschlussfähig zu sein. Dafür nämlich müssen Zukünfte so konstruiert sein, dass sie für andere gegenwärtig plausibel sind. Die Spannung zwischen Irritationspotenzial auf der einen und Plausibilität auf der anderen Seite hat sich in den Diskussionen der Arbeitsgemeinschaft als zentrales Problem der gegenwärtigen Praxis von Zukunftsexpertise herauskristallisiert. Jede Form von wissenschaftsbasierter Zukunftskonstruktion steht darüber hinaus in Konkurrenz zu anderen Konstruktionen von Zukunft - vor allem solchen, die in der Politik, der Wirtschaft und den Medien ohnehin unablässig produziert werden.

Die intensiven Diskussionen im Rahmen der Veranstaltung haben gezeigt, dass eine weitergehende Beschäftigung mit Wissenskulturen, in denen die Konstruktion von Zukunft im Mittelpunkt steht, auch in Zukunft wichtig sein wird. Zugleich zeigte sich, dass eine solche Diskussion dann am fruchtbarsten ist, wenn Forscher, die eine aktive Rolle in den entsprechenden communities innehaben, mit Wissenschaftlern zusammengeführt werden, die Formen von Zukunftsexpertise aus einer eher distanzierten, theoretischen Perspektive reflektieren. Ein solcher Austausch von Theorie und Praxis kann zugleich als Bedingung einer weiteren Professionalisierung zukunftsbezogener Wissenskulturen betrachtet werden.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer

J. Wolfgang Behrendt (Werther, GER), Stefan Böschen (Karlsruhe, GER), Stefan Dammermann (Bielefeld, GER), Sascha Dannenberg (Berlin, GER), Achim Eberspächer (Veenendaal, NED), Ulrike Felt (Wien, AUT), Bruno Gransche (Karlsruhe, GER), Armin Grunwald (Karlsruhe, GER), Gerhard de Haan (Berlin, GER), Lucian Hölscher (Bochum, GER), Mario Kaiser (Basel, SUI), Kornelia Konrad (Enschede, NED), Vera Linke (Bielefeld, GER), Marc Mölders (Bielefeld, GER), Michael Ornetzeder (Wien, AUT), David Rengeling (Hannover, GER), Maja Rotter (Berlin, GER), Petra Schaper-Rinkel (Wien, AUT), Elke Seefried (München, GER), Victor Tiberius (Potsdam, GER), Thomas Völker (Wien, AUT), Philine Warnke (Wien, AUT), Axel Zweck (Düsseldorf, GER)



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