Zentrum für interdisziplinäre Forschung
 
 

Theorie des Geistes, Simulation und Meta-Kognition - Preisträgerkolloquium mit Josef Perner

Termin: 29. Januar 2013

Leitung: Hannes Rakoczy (Göttingen, GER)

Am 29. Januar wurde Josef Perner der Bielefelder Wissenschaftspreis verliehen. In Gedenken an den Soziologen Niklas Luhmann vergibt die Stiftung der Sparkasse Bielefeld alle zwei Jahre diese Auszeichnung, die sich an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler richtet, deren Forschung höchsten Ansprüchen genügt und die sich wie Niklas Luhmann um eine interdisziplinäre Forschung verdient gemacht haben.
Vor dreißig Jahren publizierten die Psychologen Heinz Wimmer und Josef Perner das wohl berühmteste Experiment der Entwicklungspsychologie: den 'false belief task'. Damit wiesen sie nach, dass Kinder im Alter von fünf Jahren verstehen, dass andere falsche Überzeugungen haben, mit drei Jahren aber noch nicht dazu in der Lage sind. Mit der Einsicht in den experimentellen Nutzen solcher falschen Überzeugungen begann die Erforschung der Theory of Mind, der Theorie des Geistes, kurz ToM.
Neuere Studien zeigen: Auch wenn Kinder es nicht aussprechen können, zeigen ihre Blicke und ihr Verhalten bereits mit 14 bis 15 Monaten ein Gespür für falsche Überzeugungen anderer Menschen. Dies hat eine intensive Debatte ausgelöst. Handelt es sich bei ToM um ein System, das sich rasant entwickelt, oder sind es zwei ganz unterschiedliche Systeme, ein implizites und ein explizites, ein direktes und ein indirektes?
Ein zweites System anzunehmen, werfe mehr Fragen auf, als es beantworte, erklärte die Psychologin Beate Sodian (München). Sie zeigte auf, dass frühe und spätere Stadien der Theorie des Geistes eng zusammenhängen: Wer mit zwölf Monaten andere auf etwas aufmerksam macht, wird mit 18 Monten in der Lage sein, zu erkennen, dass andere falsche Meinungen haben können. Geteilte Aufmerksamkeit - joint attention - ist eine implizite Form der Theorie des Geistes, so Sodian.
Für Ian Apperly (Birmingham) und Steven Butterfill (Warwick) hingegen können so unterschiedliche Fähigkeiten nicht vom selben System geleistet werden. Kinder und einige Tiere verfügen ihrer Ansicht nach über eine minimale Theory of Mind, die schnell alltagstaugliche Lösungen liefert. Ältere Kinder und Erwachsene verfügen zusätzlich zu diesem automatischen System über ein komplexeres, das höhere Anforderungen an die kognitiven Fähigkeiten stellt. Diese Unterscheidung helfe, die zum Teil inkonsistenten Ergebnisse der inzwischen zahlreichen verschiedenen Studien zur ToM an Tieren, Kindern und Erwachsenen zu erklären.
Joelle Proust unterschied zwischen der Ebene der Kognition und der Ebene der Metakognition einen Bereich, den sie 'MiniMeta' nannte. Metakognition besteht im Nachdenken über Kognition als Kognition. Im Bereich MiniMeta ist diese Fähigkeit noch nicht ganz ausgeprägt. Zu den MiniMeta gehört die Sensitivität für die Überzeugungen der Mitmenschen, die kleine Kinder in verschiedenen Studien zeigen, ohne dass sie diese thematisieren könnten.
Gergely Csibra (Budapest) setzte wie Robert Gordon (University of Missouri-St. Louis) auf mehr Kontinuität. Für Csibra entwickelt sich eine in Ansätzen schon bei den Jüngsten angelegte Fähigkeit weiter, sich Gedanken über Gedanken zu machen. Für Gordon besteht mit der Fähigkeit, den Anderen im eigenen Geist zu simulieren, ein Zugang zur Alltagspsychologie, der nicht explizit gemacht oder verbalisiert werden muss. Erwachsene seien mehr als Kinder in der Lage, diese Simulation bewusst zu modifizieren.
Schimpansen, so Michael Tomasello (Leipzig), sind durchaus in der Lage zu erkennen, ob ein Mensch sich ungeschickt anstellt oder ihnen die Trauben gar nicht geben will. Sie verstehen andere als zielgerichtet handelnde und schlussfolgernde Wesen. Doch Schimpansen könnten, anders als Kinder, nicht erkennen, dass der Andere denselben Gegenstand aus einer anderen Perspektive sieht. Schimpansen bestehen den false belief task demnach deshalb nicht, weil sie die Perspektive des anderen nicht mit der eigenen vergleichen können.
Falsche Überzeugungen ermöglichen die Unterscheidung von Realität und Fiktion. Als der Behaviorismus den Blick hinter das beobachtbare Verhalten noch als unwissenschaftlich verdammte, zeigte Perner mithilfe der falschen Überzeugungen, dass das Leben von mentalen Zuständen bestimmt wird, nicht von physikalischen Größen, so Uta Frith (London) in ihrer Laudatio.
Perner selbst machte in seinem Festvortrag die unterschiedlichen Testergebnisse jüngerer und älterer Kinder am 'Verankerungsbewusstsein' fest: Der Gegenstand, über den man nachdenkt, muss in dem verankert werden, für den er in der Welt steht, also etwa mit dem Ort, an dem sich das Buch befindet. Dies geschieht bei kleinen Kindern unbewusst und automatisch und erst bei älteren bewusst und reflektiert. Nur wer in der Lage ist, über die Verankerung von Gedanken in der Welt nachzudenken, kann verstehen, dass jemand eine falsche Überzeugung hegen kann.

Wie diese Prozesse sich genau zueinander verhalten wird nach dreißig Jahren false belief task kontroverser diskutiert als je zuvor.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Ian Apperly (Birmingham, GBR), Burcu Arslan (Groningen, NED), Gisa Aschersleben (Saarbrücken, GER), Tanya Behne (Göttingen, GER), Stephen Butterfill (Coventry (GBR), Annette Clüver (Göttingen, GER), Gergely Csibra (Budapest, HUN), Birgit Elsner (Potsdam, GER), Frank Esken (Salzburg, AUT), Marco Fenici (Florenz, ITA), Ella Fizke (Göttingen, GER), Chris Frith (London, GBR), Uta Frith (London, GBR), Robert Gordon (St. Louis, USA), Eva Gottesleben (Bielefeld, GER), Anne Henning (Saarbrücken, GER), Jonas Hermes (Göttingen, GER), Susanna Jeschonek (Hamburg, GER), Marina Josephs (Göttingen, GER), Joscha Kärtner (Münster, GER), Dora Kampis (Budapest, HUN), Marlen Kaufmann (Göttingen, GER), Stefanie Keupp (Göttingen, GER), Birgit Knudsen (Saarbrücken, GER), Ulf Liszkowski (Hamburg, GER), Karoline Lohse (Göttingen, GER), John Michael (Frederiksberg, DEN), Daniela Mink (Saarbrücken, GER), Christian Nimtz (Bielefeld, GER), Josef Perner (Salzburg, AUT), Wolfgang Prinz (Leipzig, GER), Joëlle Proust (Paris, FRA), Louise Röska-Hardy (Dortmund, GER), Marco Schmidt (Leipzig, GER), Nils Schuhmacher (Münster, GER), Peter Schulte (Bielefeld, GER), Matthias Schurz (Salzburg, AUT), Tobias Schuwerk (München, GER), Beate Sodian (München, GER), Monika Sommer (Regensburg, GER), Michael Tomasello (Leipzig, GER), Markus Werning (Bochum, GER), Emily Wyman (Leipzig, GER)



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