Zentrum für interdisziplinäre Forschung
 
 

Rekonstruktion der kommunikativen Herstellung inklusiver Prozesse im Unterricht

Datum: 26. - 28. September 2013

Leitung: Heiko Hausendorf (Zürich, SUI), Friederike Kern (Bielefeld, GER), Birgit Lütje-Klose (Bielefeld, GER), Ingwer Paul (Bielefeld, GER) und Michael Urban (Frankfurt (Main), GER)

Mit der Ratifizierung der UN-Konvention zur Gleichbehandlung von Menschen mit Behinderungen 2008 ist eine intensive und breite bildungspolitische Debatte ausgelöst worden, deren Folgen durch die Einführung und Umsetzung neuer Bildungsstandards (vgl. aktuelle Beschlüsse der KMK) für die Lehrerausbildung und für die Unterrichtspraxis kaum zu überschätzen sind. Vor diesem Hintergrund stellt sich aus Sicht der beteiligten Disziplinen in den Human- und Bildungswissenschaften die Frage nach der empirischen Grundlage für die Klassifizierung und Operationalisierung inkludierender Verfahren im Schulalltag.
In einer dreitägigen interdisziplinär und international besetzten Arbeitstagung wurden Prozesse der Inklusion im schulischen Unterricht diskutiert und anhand von Aufzeichnungen konkreter Unterrichtskommunikation analysiert. Dabei stand die forschungszentrierte Arbeit am empirischen Material im Mittelpunkt.
Am ersten Tag wurden drei Fachvorträge von WissenschaftlerInnen gehalten, in deren Ländern bereits langjährige Erfahrungen mit der Praxis und qualitativen Erforschung inklusiven Unterrichts vorliegen. Prof. Dr. Tanja Sturm (Schweiz) fokussierte den Umgang mit Heterogenität auf der Ebene der konkreten Interaktion im Klassenzimmer und reflektierte gleichzeitig die Potenziale der dokumentarischen Methode von "Fotogrammen" als einen spezifischen methodologischen Zugang zur Unterrichtsforschung. Prof. Dr. Borgunn Ytterhus (Norwegen) berichtete über eine ethnographische Langzeitstudie, in der sie Prozesse der Inklusion und Exklusion in der Interaktion von Peergroups bei Kindern im Alter von 5 bis 16 Jahren im Kindergarten und in der Schule untersucht hat. In einer fallbezogenen Perspektive konnte sie aufzeigen, dass Inklusions- und Exklusionsmechanismen mit zunehmendem Alter bedeutsamer werden. Die von Ytterhus beschriebenen informellen, durch die Kinder selbst in ihrer Interaktionspraxis konstituierten Interaktionsregeln erweisen sich insbesondere dann als Exklusionsrisiko, wenn einzelne Kinder nicht in der Lage sind, diese Regeln differenziert zu verstehen. Prof. Dr. Alan Dyson (England) nahm vor allem die Ebene der Organisation von inklusiven Schulen in den Blick. Dabei beschäftigte er sich insbesondere mit den Grenzen einer Konzeption von Inklusion, die die Auswirkungen sozialer Marginalisierung nicht ausreichend berücksichtigt. Die institutionelle Reaktion auf benachteiligende Effekte solcher familiären Hintergründe muss neben der Ebene der Gestaltung unterrichtlicher Prozesse auch die Nutzung anderer Angebote und Leistungen etwa in Kooperation mit familienunterstützenden Diensten oder nach dem in England praktizierten Modell der Extended Schools umfassen.
Am zweiten Tag stand in interdisziplinär zusammengesetzten Gruppen von sechs oder sieben Teilnehmenden die gemeinsame Auswertung eines Ausschnitts aus der Videoaufzeichnung einer authentischen Unterrichtsstunde im Zentrum. Die videografierte Sequenz lieferte als primäres Datum einen zuverlässigen und viel versprechenden Referenzpunkt zum Abgleich der beteiligten Perspektiven: In den Datensitzungen konnten die methodischen und theoretischen Zugänge der beteiligten Schul- und SonderpädagogInnen, FachdidaktikerInnen, PsychologInnen, LinguistInnen und SoziologInnen vorgestellt und zueinander in Beziehung gesetzt werden. Dabei wurde die Annahme bestätigt, dass die Klärung der differenten disziplinären Konstitution des Forschungsgegenstandes sowie die Operationalisierbarkeit von "Inklusion" für weitere Forschungen zentral sind. Ein Ergebnis der Gruppenarbeit besteht darin, dass die normativ-programmatische Semantik der "Inklusion" tatsächlich mit empirischem Zugewinn für alle beteiligten Disziplinen auf konkrete sprachlich-kommunikative Verfahren der Inklusion und Exklusion befragt werden kann.
Dies könnte u.a. dazu ermutigen, ähnliche Verfahren, die auch in der Lehreraus- und Fortbildung genutzt werden, im Kontext des Forschenden Lernens systematischer und reflektierter einzusetzen. Professionalisierung droht im gegenwärtigen Ausbildungssystem nicht zuletzt daran zu scheitern, dass sich Reflexionsanlässe "im Feld" von denen im akademischen Umfeld deutlich unterscheiden. Einen schlichten Transfer der Fragestellungen und Methoden aus der Forschung in die (Ausbildungs-)Praxis wird es nicht geben können, eine Harmonisierung der Beschreibungskategorien auf empirischer Grundlage dagegen schon.
Am dritten Tagungstag wurden aufbauend auf diesem Ergebnis konkrete interdisziplinäre Forschungskooperationen zu einer vertiefenden Analyse inkludierender unterrichtlicher Prozesse initiiert. Weiterhin wurde der Frage nachgegangen, welche Perspektiven sich aus der empirischen Erforschung von inkludierendem Unterricht für die universitäre Ausbildung von Lehrkräften ergeben können. Unter den Teilnehmenden bestand Einigkeit, die begonnene Kooperation im Sinne einer längerfristigen Forschungskooperation fortzusetzen.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Edith Brugger-Paggi (Brixen, ITA), Alan Dyson (Manchester, GBR), Stefan Fries (Bielefeld, GER), Julia Gasterstädt (Frankfurt am Main, GER), Bernd Gröben (Bielefeld, GER), Natascha Korff (Oldenburg, GER), Ulrike Kranefeld (Bielefeld, GER), Susanne Kreitz-Sandberg (Linköping, SWE), Thorben Lahtz (Hannover, GER), Beate Lingnau (Bielefeld, GER), Ulrich Mehlem (Frankfurt am Main, GER), Susanne Miller (Bielefeld, GER), Sören Ohlhus (Bielefeld, GER), Claudia Pazen (Bielefeld, GER), Uta Quasthoff (Dortmund, GER), Hubertus Redlich (Berlin, GER), Lilian Streblow (Bielefeld, GER), Tanja Sturm (Basel, SUI), Anja Thim (Bremen, GER), Elke Wild (Bielefeld, GER), Borgunn Ytterhus (Houston, USA)



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