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ZiF-Arbeitsgemeinschaft

Die Hungerkrisen der "Kleinen Eiszeit" (1300-1800). Sozio-naturale Verflechtungen historischer Gesellschaften

Termin: 19. - 20. Februar 2015

Leitung: Dominik Collet (Heidelberg, GER) und Maximilian Schuh (Heidelberg, GER)

Hungerkatastrophen ereignen sich an der Schnittstelle von Natur und Kultur. Sie werden sowohl durch externe biophysikalische wie durch interne gesellschaftliche Faktoren ausgelöst und beeinflusst. Dieser umfassende sozio-ökologische Charakter von Hungerkrisen sprengt den Analyserahmen einzelner Disziplinen. Die Verbindung von natürlichen, ökonomischen und kulturellen Aspekten gestaltet sich so komplex, dass einzelne Forschende schnell an ihre Grenzen stoßen. Die Tagung brachte daher Forscherinnen und Forscher aus den Natur-, Sozial- und Kulturwissenschaften zusammen, die sowohl europäische als auch nicht-europäische Gesellschaften in den Blick nahmen. Vor dem Hintergrund neuerer integrativer Ansätze (disaster studies, vulnerability studies, environmental history) untersuchten sie, wie die vorherrschende Opposition von natürlichen und gesellschaftlichen Faktoren aufzulösen ist. Erprobt wurde, wie sich durch den gemeinsamen Zugriff sowohl auf 'Archive der Natur' als auch auf 'Archive der Gesellschaft' deterministische Modellbildungen der Mensch-Umwelt-Beziehungen überwinden lassen und stattdessen sozio-naturale Verflechtungsmodelle praktikabel gemacht werden können.
In der einführenden methodologischen Sektion diskutierten Ulf Büntgen und Jürg Luterbacher, wie paläoklimatologische Rekonstruktionen Aussagen zu Missernten und zur Ätiologie von Seuchen erlauben. Heli Huhtamaa und Katrin Moeller demonstrierten das Potential solcher integrativen Ansätze für die Theoriebildung der Wirtschaftsgeschichte und die Erforschung von Regionen mit geringer schriftlicher Überlieferung.
Europäische Hungersnöte standen im Mittelpunkt der zweiten Sektion. Die Beiträger verwiesen mithilfe der Analyse unterschiedlicher 'Archive' auf das Ineinandergreifen von Wettereinflüssen sowie politischen und wirtschaftlichen Veränderungen. Francis Ludlow, Rudolf Brázdil, Guido Alfani und Bruce Campbell nutzten Chroniken, Kirchenbücher und Rechnungsakten ebenso wie Baumring- und Isotopenanalysen aus Eisbohrkernen, um solche Verflechtungen in Irland, Tschechien, Italien und England zu diskutieren. Dabei zeigte sich neben der unterschiedlichen Auflösung und Präzision der benutzten Quellen, dass Hungersnöte zumeist erst durch das Zusammentreffen von Wetteranomalien mit unabhängigen wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen entstanden.
Um die Perspektive um vermeintlich naturnähere Gesellschaften zu erweitern, wurden zudem Hungersnöte in Asien und Afrika thematisiert. Fallstudien zum frühneuzeitlichen Indien (Vinita Damodaran) und Ostafrika (Steven Serels) zeigten einerseits parallele Kausalitäten von Hungerkrisen auf - trotz eines (proto-)kolonialen Settings. Andererseits verwiesen sie eindrücklich auf die Pluralität menschlicher Antworten, die auch neue Formen von politischer und religiöser Vergesellschaftung etwa in Sufi- oder Sanyassi-Gemeinschaften umfassten.
Zum Abschluss standen die Strategien des Umgangs mit Hungersnöten im Mittelpunkt. Dazu gehörten neben Migration (Andreas Rüther) die Aneignung und Erneuerung karitativer Institutionen (Kathrin Pindl, Jessica Djkman) sowie die intensivierte Zusammenarbeit religiöser und städtischer Obrigkeiten in der Schweiz (Andrea de Vincenti).
Der Abendvortrag erweiterte die vorgestellten Daten, Quellen und Archive um das Feld der materiellen Kultur. Anhand der reichen Sammlung des Museums für Europäische Brotkultur ließ Andrea Fadani die unterschiedlichsten Facetten der Erinnerungskultur an vormoderne Hungersnöte greifbar werden und illustrierte das Potential von Objekten als eigenständige Quellengattung.
Die Veranstaltung zeigte, dass das komplexe Problem der historischen Hungersnöte der multiperspektivischen Betrachtung bedarf. Diese transdisziplinäre Integration verlangt zunächst eine inhaltliche Konzentration. Sie lässt sich am besten in zeitlich hochauflösenden, kleinräumigen Fallstudien umsetzen. In der Diskussion wurde deutlich, dass für einen solchen Zugang in jüngster Zeit nicht nur eine Reihe von tragfähigen disziplinübergreifenden Forschungsdesigns und -ansätzen entstanden ist, sondern dass es zunehmend auch Forscherinnen und Forscher gibt, die solche Konzepte umsetzen können. Eine englischsprachige Publikation der Tagungsbeiträge ist in Vorbereitung.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Guido Alfani (Mailand, ITA), Oliver Bothe (Geesthacht, GER), Rudolf Brázdil (Brno, CZE), Ulf Büntgen (Birmensdorf, SUI), Bruce M. S. Campbell (Belfast, GBR), Vinita Damodaran (Brighton, GBR), Andrea De Vincenti (Zürich, SUI), Jessica Dijkman (Utrecht, NED), Stephan Ebert (Darmstadt, GER), Andrea Fadani (Ulm, GER), Heli Huhtamaa (Joensuu, FIN), Dario Kaidel (Heidelberg, GER), Manuela Lenzen (Bielefeld, GER), Francis Ludlow (New Haven, USA), Jürg Luterbacher (Gießen, GER), Katrin Moeller (Halle (Saale), GER), Hans-Heinrich Nolte (Barsinghausen, GER), Kathrin Pindl (Regensburg, GER), Carolin Rethorn (Heidelberg, GER), Andreas Rüther (Bielefeld, GER), Jürgen Schmidt (Tübingen, GER), Steven Serels (Berlin, GER)



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