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ZiF-Arbeitsgemeinschaft

Misstrauen. Interdisziplinäre theoretische, methodische und empirische Zugänge zu Begriff und Praxis

Termin: 27. – 28. August 2015

Leitung: Olga Galanova

Die Tagung hatte das Ziel, das bislang innerhalb der Sozialwissenschaften eher stiefmütterlich behandelte Phänomen des Misstrauens aus unterschiedlicher disziplinärer Sicht zu perspektivieren und in heterogenen empirischen Untersuchungsfeldern auszuleuchten. An so disparaten Gegenständen wie beispielsweise Therapieplanungsgesprächen bei Krebspatienten, der Praxis des Bundesamts für Verfassungsschutz oder der polizeilichen Zivilkontrolle in den USA wurde aufgewiesen, dass Misstrauen nicht einfach das spiegelbildliche Negativ von Vertrauen, sondern ein soziales Phänomen eigenen Rechts und mitunter weitreichender Brisanz für die sozialen Umgebungen und Kontexte, in denen es auftritt, ist. Dabei war es weniger vordringlich, den Begriff des Misstrauens trennscharf zu definieren und von Anrainerbegriffen wie Verdacht oder Skepsis abzugrenzen, vielmehr galt es, ihn durch Erschließung unterschiedlicher phänomenaler Manifestationsformen des Misstrauens empirisch anzureichern und zu nuancieren. In diesem Sinne einer fruchtbaren Anreicherung der konzeptuellen und methodologischen Forschungsheuristik langten die stellenweise kontroversen Diskussionen, die den jeweiligen Vorträgen angegliedert waren, an einer Reihe resultativer Fluchtlinien der weiteren sozial- und kulturwissenschaftlichen Erforschung dieses vielgestalten Phänomens an.

Den augenfälligsten rekurrenten Zug des Forschungsfelds bildete der Aspekt, der als "Misstrauensspirale", als dessen tendenzielles Wuchern einhellig konstatiert wurde. Als Rückseite und Pendant dieser konstatierten Tendenz zur Selbstverstärkung und zur viralen Ausbreitung des Misstrauens – im Sinne einer "Misstrauenskultur" – traten soziale und kulturelle Mechanismen in den Fokus der Tagungsdiskussionen, die als Vertrauensäquivalente und -substitute eine eindämmende und kontrollierende Wirkung auf Misstrauensstabilisierungen und -wucherungen auszuüben vermögen und sowohl in materieller – etwa Sicherheitsschlösser – als auch in symbolischer – z.B. Public-Relations-Kampagnen – Form vorliegen können. Ergänzender Gesichtspunkt dieses thematischen Strangs war die Einsicht, dass Misstrauen in spezifischen institutionellen Kontexten und innerhalb gewisser professioneller Handlungsräume eine epistemische Produktivität entfalten kann, die zweckmäßig für die Generierung professionstypischen Wissens sein und eigene Formen und Instrumente der Selbsteingrenzung – wie beim Bundesamt für Verfassungsschutz – erfordern kann.

Es waren insbesondere die konversationsanalytisch und mikrosoziologisch ausgerichteten Beiträge zur Tagung, welche die Diskussionen hin auf einen zweiten gewichtigen thematischen Faden, der auch vielsprechendes Potential für zukünftige Forschungen in diesem Gebiet bereithält, orientierten: das enge Wechselspiel und stellenweise unscharfe Verhältnis von Misstrauen und Vertrauen, wie sie für nur sehr schwach durch kulturelle Muster und situativ gebräuchliche Mechanismen vorformatierter Situationsverläufe typisch sind. Vor diesem Hintergrund interessierten Maßnahmen und Strategien der artifiziellen Eingrenzung und professionellen Kontrolle ungesicherter, etwa konfliktärer Akteursbeziehungen und situativer Dynamiken, wie sie die professionelle Praxis internationaler Diplomatie oder der Mediation kennzeichnen.

Die Tagung machte deutlich, dass dem Misstrauen – zumal in der Beachtung seiner phänomenalen Vielgestaltigkeit und seiner intimen Beziehung zu globaleren Sachverhalten wie Unsicherheit, Nichtwissen oder Konflikt – der bemerkenswerte Status zukommt, in einer Reihe sehr heterogener empirischer Felder neue, produktive Fragen innerhalb der Sozial- und Kulturwissenschaften anstoßen zu können.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Patrick Bresemann (Würzburg, GER), Stefanie Büchner (Potsdam, GER), Anna Demidova (Bielefeld, GER), Lutz Ebeling (Bielefeld, GER), Christiane Enkeler (Köln, GER), Eva-Maria Fehre (Bielefeld, GER), Tamara Frey (Göttingen, GER), Ulla Gläßer (Frankfurt (Oder), GER), Constantin Goschler (Bochum, GER), Ulla Gosmann (Herten, GER), Christoph Gusy (Bielefeld, GER), Justus Heck (Bielefeld, GER), Florian Henk (Braunschweig, GER), Wolfgang Imo (Essen, GER), David Jöckel (Jena, GER), André Kieserling (Bielefeld, GER), Julian Möhring (Frankfurt am Main, GER), Jeannie Moser (Berlin, GER), Florian Mühlfried (Jena, GER), Christoph Paret (Konstanz, GER), Ole Pütz (Bielefeld, GER), Geoffrey Raymond (Santa Barbara, USA), Christin Schafstädt (Tübingen, GER), Jan Schalk (Bochum, GER), Thomas Scheffer (Frankfurt am Main, GER), Lorenz Schulz (Frankfurt am Main, GER), Rainer Schützeichel (Bielefeld, GER), Martin K.W. Schweer (Vechta, GER), Ilya Utekhin (St. Petersburg, RUS), Daniel Witte (Bonn, GER), Christin Wohlrath (Konstanz, GER), Ramy Youssef (Bielefeld, GER)



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