Zentrum für interdisziplinäre Forschung
 
 

ZiF-Arbeitsgemeinschaft

Compliance? Ja, nein, vielleicht
Gesetz und Ökonomie von Programmen zur Einhaltung von Compliance-Regeln

Termin: 6. - 7. November 2015

Leitung: Johannes Paha (Gießen, GER)

Sind die Hersteller von Computermonitoren, Dachziegeln und Bananen Kriminelle?

Renommierte ForscherInnen aus Deutschland, Großbritannien und den USA zeigten in dem Workshop zur kartellrechtlichen Compliance auf, wie kartellrechtskonformes Verhalten gefördert werden kann.

Es handelt sich keineswegs um ein neues Phänomen: Preis- und Mengenabsprachen zwischen Unternehmen, Gebiets- und Kundenaufteilungen gab es bereits in der Antike, und schon damals schädigten sie die Kunden der beteiligten Unternehmen. Heute betreffen solche Absprachen Güter wie bspw. Computermonitore, Dachziegel und Bananen. Sie schädigen sowohl private Haushalte als auch Unternehmen, die Abnehmer dieser Produkte sind. Jedoch lohnen sich solche Absprachen für die Missetäter immer seltener. Bußgelder in dreistelliger Millionenhöhe sind keine Ausnahme mehr, und Schadensersatzklagen gewinnen an Bedeutung. Diese Verfahren binden oft über Jahre die Aufmerksamkeit der beteiligten Manager. Nicht zuletzt fürchten die beteiligten Unternehmen Reputationsverluste, die ihre Absatzposition schwächen und sie sowohl für neue Mitarbeiter als auch für Kapitalgeber unattraktiver machen können. Der Begriff "Compliance" steht daher für Maßnahmen, mit denen sich Unternehmen selbst korrektes Verhalten verordnen.

Die wissenschaftliche Diskussion dieser Maßnahmen stand im Mittelpunkt dieser Tagung. Aus der Warte der Volks- und der Betriebswirtschaftslehre mahnte Kai Hüschelrath, dass es nicht darum gehe, so viele Compliance-Maßnahmen wie möglich umzusetzen und zeigte auf, wie ein gesundes Maß aussehen könne. Peter Kotzian ergänzte, dass überraschenderweise gerade Mitarbeiter in den Bereichen Sales und Marketing ein vergleichsweise ethisches Verhalten an den Tag legen, während bei Mitarbeitern mit einer Ausbildung im Bereich Informationstechnologie das Gegenteil der Fall sei. Rechtskonformes Verhalten, so betonte Daniel Herold, müsse auch durch die Wahl geeigneter Entlohnungsformen gefördert werden können. Den Mitarbeitern müssten Ziele gesetzt werden, die sie nur durch eigene Anstrengung aber nicht durch rechtswidriges Verhalten erreichen können. Ulrich Schwalbe zeigte zudem Möglichkeiten auf, wie Unternehmen Fehlverhalten ihrer Mitarbeiter mittels statistisch-ökonometrischer Verfahren schnellstmöglich entdecken können.

Eingeleitet durch Vorträge von Florence Thépot und Per Rummel debattierten die Tagungsteilnehmer auch intensiv über die Frage, ob Unternehmen die Möglichkeit eines teilweisen Erlasses der Geldbuße in Aussicht gestellt werden solle, wenn diese in Compliance-Maßnahmen investieren. In einer konstruktiven Arbeitsatmosphäre wurde diese Frage kontrovers diskutiert und festgehalten, dass ein Ergebnis nicht nur durch theoretische Überlegungen erzielt werden könne sondern auch weiterer empirischer Forschung bedürfe. Eindeutig und überzeugend fiel das Urteil von Andreas Ransiek aus, dass eine Einordnung von Kartellrechtsvertößen als Straftaten (aktuell: Ordnungswidrigkeiten) nicht geboten sei, zumal dies an der Höhe der Sanktionen nichts ändere. Florian Wagner-von Papp fügte an, dass eine stärkere Fokussierung der Sanktionen auf die Mitarbeiter – zusätzlich zur Sanktionierung auf Unternehmensebene – weitere Abschreckungseffekte bewirke.

Mit großem Interesse folgten die Zuhörer den Ausführungen von Agnieszka Paruzel zu den psychologischen Merkmalen kartellrechtswidrig handelnder Mitarbeiter. Zum Beispiel könne eine hohe Leistungsbereitschaft den Rechtsbruch sowohl fördern als auch verhindern, während hingegen ein starkes Machtstreben klar zum Gesetzesübertritt motiviere. Bernd Marcus zeigte in diesem Zusammenhang Möglichkeiten auf, wie Risikomitarbeiter bereits im Einstellungsverfahren erkannt werden können. Den Abschluss der Tagung bildete der Vortrag von Anja Jakobi, die darstellte, dass Kartellrechtsverstöße trotz ihrer Schwere oftmals noch nicht die Aufmerksamkeit erfahren, die z.B. der Geldwäsche zuteil wird. Sie illustrierte somit anschaulich, dass sowohl in Wissenschaft als auch Praxis eine weitere Beschäftigung mit dem Thema der kartellrechtlichen Compliance dringend geboten ist. Solche Forschungslücken wurden gezielt auch von D. Daniel Sokol benannt.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Kai Bauch (Düsseldorf, GER), Volker Böhm (Bielefeld, GER), Victoria Daskalova (Tilburg, NED), Stefan Frübing )Mannheim, GER), Marieke Funck (Gießen, GER), Daniel Herold (Gießen, GER), Kai Hüschelrath (Mannheim, GER), Anja P. Jakobi (Egham, GBR), Peter Kotzian (Düsseldorf, GER), Markus Lohmeier (Düsseldorf, GER), Günter Maier (Bielefeld, GER), Bernd Marcus (Hagen, GER), Agnieszka Paruzel (Bielefeld, GER), Andreas Ransiek (Bielefeld, GER), Per Rummel (Bonn, GER), Denise Scheld (Gießen, GER), Ulrich Schwalbe (Stuttgart, GER), Daniel Sokol (Gainesville, USA), Thomas Stöber (Düsseldorf, GER), Sandra Swoboda (Münster, GER), Florence Thépot (Glasgow, GBR), Korbinian von Blanckenburg (Lemgo, GER), Florian Wagner-von-Papp (London, GBR), Elke Kottmann (Lemgo, GER)



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