Zentrum für interdisziplinäre Forschung
 
 
Plakat

ZiF-Arbeitsgemeinschaft

Wie viel 'Geist und Verstand' ist die Voraussetzung für Verantwortungszuschreibung? - Intentionalität zwischen Mentalität und Verantwortlichkeit

Termin: 12 - 14 November 2015

Leitung: Ralf Stoecker (Bielefeld, GER), Tatjana Hörnle (Berlin, GER)

Für unsere Praktiken der Verantwortungszuschreibung und des Bestrafens spielt das Konzept der "absichtlichen Handlung" sowohl in der Philosophie als auch in den Rechtswissenschaften eine zentrale Rolle. Schließlich müssen wir normalerweise die Konsequenzen dafür tragen, was wir absichtlich getan haben. Dennoch ist in beiden Disziplinen bisher nicht geklärt, was es eigentlich bedeutet, absichtlich zu handeln, und warum dies für die Bewertung von Handlungen von derart großer Bedeutung sein sollte. Dies liegt unter anderem darin begründet, dass Uneinigkeit darüber besteht, wie Absichtlichkeit konzeptuell zu verstehen ist und ob sie – wie gemeinhin angenommen wird – ein mentaler Zustand ist. In den Rechtswissenschaften stellt sich neben diesen theoretischen Problemen zudem die pragmatische Frage, wie Absichtlichkeit vor Gericht bewiesen werden kann.

Obwohl in der Philosophie und in den Rechtswissenschaften zu den gleichen Phänomenen und Begriffen gearbeitet wird, findet eine Vernetzung der beiden Disziplinen bisher erstaunlich wenig statt. Der Workshop sollte dieses Manko überwinden und brachte 24 renommierte Vertreter_innen der Philosophie und der Rechtswissenschaften aus sieben Ländern zusammen. Durch die Teilnahme des Psychologen Wolfgang Prinz sowie der Philosophen Bertram Malle und Stephen Butterfill, die beide im Grenzbereich von Philosophie und Kognitionswissenschaften arbeiten, floss auch diese Perspektive mit ihren Forschungsergebnissen in die Diskussion ein. Das Workshop-Format bot neben zwölf Vorträgen ausreichend Zeit für intensiven Austausch über zentrale Probleme, Ansätze und Ideen.

Der Philosophie und den Rechtswissenschaften ist es gleichermaßen zu eigen, Phänomene differenziert zu betrachten und feinkörnige konzeptuelle Unterscheidungen zu treffen. In der Philosophie entsteht dieses Interesse aus dem Anliegen, zu einem tiefen Verständnis der Phänomene und Konzepte zu gelangen, während in den Rechtswissenschaften zudem die Notwendigkeit besteht, ein möglichst präzises und faires Instrumentarium für die Rechtsprechung zu entwickeln. Dementsprechend standen im Workshop konzeptuelle Klärungen und Differenzierungen im Vordergrund. Zudem wurde diskutiert, wie bestehende Kategorien und erarbeitete Begriffe auf konkrete Fälle und insbesondere Grenzfälle anzuwenden sind. Dabei wurde schnell deutlich, dass Absichtlichkeit nicht unbedingt notwendig ist, um verantwortlich zu sein. Dies zeigen juristische Abstufungen, wie bewusste und unbewusste Fahrlässigkeit oder bedingter und direkter Vorsatz. Ebenso herrscht in der Philosophie Einigkeit darüber, dass wir nicht nur für das verantwortlich sind, was wir absichtlich tun, sondern auch dafür, was wir absichtlich nicht tun, was wir in Kauf nehmen, was wir wissentlich oder freiwillig tun, ohne dabei zugleich die konkrete Absicht zu haben, es zu tun. Da die Beschreibung von Absichten als mentale Zustände für die Philosophie und die Rechtswissenschaften gleichermaßen Probleme aufwirft, wurden alternative Möglichkeiten diskutiert. Ein gangbarer Weg könnte darin bestehen, Absichten nicht als mentale Zustände, die Handlungen verursachen, zu verstehen, sondern als Dimension von Handlungen selbst (Anthony Duff, Sandra Marshall). Ein anderer möglicher Weg ist, Absichten primär als Zuschreibungen zu konzipieren (Carl Friedrich Stuckenberg) oder Absichten gleich aus dem Kopf heraus in den sozialen Diskurs zu verlagern (Ralf Stoecker).

Es überrascht nicht, dass keine abschließende Antwort auf die allgemein gehaltene Titelfrage How Much Mind do We Need for Responsibility? gefunden werden konnte. Dennoch hat der Workshop aufgezeigt, wie die Frage präzisiert werden kann und welche Antworten möglich sind. Die Zusammenarbeit der beiden Disziplinen hat sich als äußerst fruchtbar erwiesen und zahlreiche Ansatzpunkte aufgezeigt, um die gemeinsame Arbeit zu vertiefen.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Stephen Butterfill (Coventry, GBR), Antje du Bois-Pedain (Cambridge, GBR), Antony Duff (Stirling, GBR), Frank A. Hindriks (Groningen, NED), Erling Johannes Husabø (Bergen, NOR), Jan C. Joerden (Frankfurt (Oder), GER), Geert Keil (Berlin, GER), Michael Lindemann (Bielefeld, GER), Bertram F. Malle (Providence, USA), Sandra Marshall (Minneapolis, USA), Erasmus Mayr (Erlangen, GER), Katarzyna Paprzycka (Warschau, POL), Gabriel Pérez Barberá (Buenos Aires, ARG), Wolfgang Prinz (Leipzig, GER), Katrine Rong Holter (Bergen, NOR), Constantine Sandis (Hatfield, GBR), Carl-Friedrich Stuckenberg (Bonn, GER), Alejandra Verde (Buenos Aires, ARG), Benjamin Vogel (Freiburg i.Br., GER), Johanna Wagner (Bielefeld, GER), Joachim Wündisch (Düsseldorf, GER)



Drucken
ZiF - Zentrum für interdisziplinäre Forschung - Startseite > ZiF-Arbeitsgemeinschaften-Liste > ZiF Arbeitsgemeinschaften 2015 >