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ZiF-Arbeitsgemeinschaft

Schrift im Bild - Rezeptionsästhetische Perspektiven auf Text-Bild-Relationen in den Künsten

Termin: 3. - 5. Dezember 2015

Leitung: Johannes Grave (Bielefeld, GER), Boris Roman Gibhardt (Bielefeld, GER)

Im Zentrum der Arbeitsgemeinschaft stand das kunst- und literaturgeschichtliche Phänomen der Schrift im Bild. Das Erscheinen von Schrift in Bildern ist ein besonderer Fall der Text-Bild-Relationen. Im Unterschied zu anderen Formen sind bei diesem Phänomen Schrift und Bild aufgrund ihrer je eigenen Medialität und Materialität in einem Spannungsverhältnis aufeinander bezogen, das die Wahrnehmung des Betrachters und Lesers entscheidend prägt. Während die Forschung vor allem die semantischen Gehalte solcher doppelt konnotierten Medienformationen untersuchte, stellte die Tagung deren rezeptionsästhetische Implikationen ins Zentrum.

Zu diesem Zweck fragte sie nicht allein nach räumlichen Bedingungen der Wahrnehmung von Schrift und Bild, sondern auch nach dem lange vernachlässigten Aspekt der Erfahrung von Zeit im Akt der Betrachtung und Lektüre: Wenn Schrift im Bild und damit als Bild erscheint, partizipiert sie offenbar nicht einfach am Bildträger, sondern prägt den rezeptionsästhetischen Akt des Sehens und Lesens auf spezifische Weise, indem sie dem Rezipienten einen oder mehrere Wechsel zwischen verschiedenen Wahrnehmungsmodi abverlangt. So kann zum Beispiel der lesende Nachvollzug einer Schrift in Konkurrenz treten zu einem Blick, der sich in das bildliche Dargestellte versenkt. Zu fragen ist, auf welche Weise solche Wechsel zwischen Wahrnehmungsmodi den Vollzug der Rezeption beeinflussen.

Die Arbeitsgemeinschaft nahm sich daher verschiedene Fragestellungen vor: Gibt es vorgezeichnete Spuren und Richtungen, die darüber entscheiden, wie verschiedene Elemente des Bildes und der Schrift zueinander ins Verhältnis gesetzt werden, oder eröffnen Schrift-Bild-Konstellationen kaum kontrollierbare Spielräume? Wie löst der Rezipient die Aufgabe, auf sinnvolle Weise zwischen den Rezeptionsmodi des Sehens und des Lesens hin- und herzuwechseln? Und kann das Zusammenspiel von Bildbetrachtung und Schriftlektüre den Rezipienten dazu anregen, die Temporalität seiner eigenen Wahrnehmung bewusst zu erfahren?

Die Arbeitsgemeinschaft näherte sich der Antwort auf diese Fragen in exemplarischen historischen Zugriffen. So entwickelte etwa der Kunsthistoriker Tobias Vogt anhand von Marcel Duchamps Verarbeitung von da Vincis Mona Lisa in L.H.O.O.Q eine Genealogie des Buchstabenrebus, die den Einfluss auch populärer Schrift- und Bildmedien auf die Kunst der Avantgarde und bereits des späteren 19. Jahrhunderts veranschaulichte. Auf besonders großes Publikumsinteresse stieß der Germanist Günther Oesterle in seinem Abendvortrag zum Thema "Das ironisch-witzige Widerspiel von Schriftbild und Bilderschrift im 19. Jahrhundert". G. Oesterle zeigte nicht nur künstlerische Praktiken der Schrift-Bild-Relationen an einem besonders umfangreichen Korpus der deutschen Früh- und Spätromantik auf, sondern situierte das Tagungsthema auch in den größeren medien- und kulturgeschichtlichen Zusammenhängen der Vormoderne und Moderne. Einen verstärkt systematischen kulturtheoretischen Ansatz brachte die Philosophin Sibylle Krämer ein, indem sie an verschiedenen, insbesondere auch außereuropäischen Beispielen Kulturtechniken im "operativen" Umgang mit Schrift, Text, Graphismen und Diagrammen erläuterte. Weitere Vorträge waren zum Beispiel Schrift-Bild-Relationen bei Théophile Bra (Julie Ramos), Stéphane Mallarmé (Cornelia Ortlieb) und Henri Michaux (Sabine Mainberger) gewidmet.

Die jeweiligen Analysen von Bildern und Texten, in denen Schrift gezielt eingesetzt wird, um den Rezeptionsvorgang zu beeinflussen, dienten modellhaft dazu, das Zusammenspiel verschiedener Darstellungsformen zu erläutern, die für die rezeptionsästhetische Grundlagenforschung maßgeblich sind. Am Thema der Arbeitsgemeinschaft ließ sich daher exemplarisch nachvollziehen, wie materielle, phänomenologische, semiologische, semantische und allegorische Aspekte von Bild und Schrift ineinandergreifen, um komplexe, anspruchsvolle Wahrnehmungen zu ermöglichen und anzustoßen.


Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Matthias Buschmeier (Bielefeld, GER), Martina Dobbe (Düsseldorf, GER), David Ganz (Zürich, SUI), Annette Gilbert (Erlangen, GER), Karin Gludovatz (Berlin, GER), Britta Hochkirchen (Bielefeld, GER), Petra Kathke (Bielefeld, GER), Valérie Kobi (Bielefeld, GER), Sybille Krämer (Berlin, GER), Laura Lizarazo (Gießen, GER), Helga Lutz (Weimar, GER), Sabine Mainberger (Bonn, GER), Birgit Mersmann (Bremen, GER), Günter Oesterle (Gießen, GER), Cornelia Ortlieb (Erlangen, GER), Antonia Putzger (Berlin, GER), Julie Ramos (Paris, FRA), Maria Elisabeth Reicher-Marek (Aachen, GER), Bruno Reudenbach (Hamburg, GER), Christian Scholl (Göttingen, GER), Tobias Vogt (Berlin, GER), Friedrich Weltzien (Hannover, GER)



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