Zentrum für interdisziplinäre Forschung
 
 
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ZiF-Arbeitsgemeinschaft

Felix Culpa
Toward a Theory of Productive Guilt

Termin: 13. - 15. März 2017

Leitung: Matthias Buschmeier (Bielefeld, GER), Katharina von Kellenbach (St. Mary's City, USA)

Im März 2017 trafen sich 15 Forscherinnen und Forscher aus Afrika, den USA und Europa, um die Frage zu diskutieren, inwiefern das Phänomen der Schuld als produktive Kraft in interpersonalen und kollektiven Prozessen verstanden werden kann, denn der Blick auf individuelle Schuldgefühle verstellt häufig die soziale Dimension aus Schuld entstehender gesellschaftlicher Dynamiken. Der Begriff ›Produktivität‹ sollte dabei nicht nur im ökonomischen Sinne verstanden werden. Er soll vielmehr andeuten, was aus Schuld alles entstehen kann. Zum dynamischen Schuldprozess gehört nicht nur ein passives Erleiden, sondern auch die aktive kommunikative Schuldaushandlung (z.B. Schulderlösung oder -tilgung).

Die Beschäftigung mit der Schuldfrage erscheint auf den ersten Blick nicht neu. Bisher wurde die Diskussion überwiegend in einem christlich-jüdischen und damit einem westlichen Kontext geführt. Dies schlägt sich auch in gängigen disziplinären Definitionen des Schuldbegriffes nieder. Spannend ist daher die Frage, ob diese Schuldkonzepte im Abgleich mit anderen kulturellen und religiösen Kontexten zu überdenken sind. Die Gruppe der Forschenden aus den Bereichen Anthropologie, Literaturwissenschaft, Altphilologie, Philosophie, Kunst, Rechtswissenschaft, Geschichte, Psychologie und Religionswissenschaft verfolgten daher ausdrücklich räumlich-synchrone wie auch zeitlich-diachrone Perspektiven. So profitierte der Workshop nicht nur durch Vorträge über das historisch-christliche Verständnis, sondern auch von der Darlegung von Schuldpraktiken in gegenwärtigen muslimischen und hinduistischen Kulturräumen, aber auch von lokalen Religionen in Südostafrika. Dabei wurde stets die generative Kraft von Schulddiskursen befragt.

Der dreitägige Workshop gliederte sich in vier Sektionen. Zunächst wendeten sich die Teilnehmenden theoretischen Überlegungen einer produktiven Schuld zu, um zweitens über das Verhältnis von kollektiver Gewalt und Schuld zu diskutieren. Daran schloss sich, drittens, die Auseinandersetzung mit symbolischen Repräsentationen und Diskursen der Schuld in historischer Perspektive an. Abschließend wurde über die Möglichkeit der produktiven Verflechtung von Scham und Schuld verhandelt. Konkret ergaben sich aus den Debatten drei weiter zu verfolgende Forschungsfelder (I) die Untersuchung unterschiedlicher politischer, religiöser und sozialer Kontexte von Schuld; (II) die Weiterentwicklung grundlegender Theorien von Schuld, Scham und Verantwortung und (III) die Analyse der Sprache der Schuld, des Verzeihens und der Wiedergutmachung. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler waren sich einig, die im Workshop entwickelten Forschungsfragen auf diesen Feldern in einem größeren Projekt weiter zu verfolgen.

Dass diese neue Perspektive auf das große Thema Schuld keine rein akademische Frage ist, zeigt auch das Interesse der Öffentlichkeit, reicht doch die Spannbreite der Schuld von Kulturtheorien über soziale Praktiken bis hin zu aktuellen politischen Problemen. So dokumentieren Interviews von Deutschlandradio Kultur mit Matthias Buschmeier oder des WDR 5 mit Katharina von Kellenbach das Interesse am besonderen Focus des Workshops und dessen interdisziplinäre wie internationale Kontexte, für die das ZiF einmal mehr der einschlägige Forschungsstandort war.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer

John Borneman (Princeton, USA), Marijke Box (Bielefeld, GER), Ekrem Düzen (Bielefeld, GER), Ingo W. Gerhartz (Mainz, GER), Parvis Ghassem-Fachandi (New Brunswick, USA), Stephan Grätzel (Mainz, GER), Klaus Günther (Frankfurt am Main, GER), Victor Igreja (Toowoomba, AUS), Karima Lanius (Bielefeld, GER), Maria-Sybilla Lotter (Bochum, GER), Michael Lurie (Hanover, USA), Jane Mulfinger (Santa Barbara, USA), Yudit Namer (Bielefeld, GER), Tanja Penter (Heidelberg, GER), Meinolf Schumacher (Bielefeld, GER), Lisa B. Spanierman (Tempe, USA), Nike Thurn (Bielefeld, GER), Nelly Van Doorn-Hader (Winsten-Salem, USA)



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