Zentrum für interdisziplinäre Forschung
 
 
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ZiF-Arbeitsgemeinschaft

Accounting for Health – Ökonomische Praktiken und medizinisches Wissen

Termin: 3. - 5. April 2017

Leitung: Axel C. Hüntelmann (Berlin, GER), Volker Hess (Berlin, GER), Oliver Falk (Berlin, GER)

Vom 3. bis zum 5. April fand am Zentrum für interdisziplinäre Forschung ein Workshop zu einem Thema statt, das auf den ersten Blick viele wissenschaftlich Tätige abgeschreckt haben könnte: Kalkulative Praktiken! Rechnungswesen! Buchführung! Themen, mit denen man sich in der Wissenschaft gemeinhin nur ungern befasst und die Assoziationen zu Projektabrechnungen hervorrufen können - umso mehr, als dass in den vergangenen Jahren eine zunehmende Ökonomisierung von Wissenschaft und Medizin beklagt wird.

Auf der Tagung ging es jedoch um ein erweitertes Verständnis von Rechnungswesen und Buchführung und den wechselseitigen Einfluss dieser kalkulativen Praktiken und administrativen Techniken auf die Medizin und medizinisches Wissen. Kalkulative Praktiken wie Rechnen und Zählen, Tabellieren und Kalkulieren, das Führen und Verwalten von Rechnungs- und anderen Büchern waren und sind in der Medizin allgegenwärtig. Seit Jahrhunderten - und nicht erst seit heute - spielten neben der medizinischen Praxis und der Behandlung von Kranken auch die Abrechnung von Kosten, die Berechnung von Risiken und die Verwaltung medizinischen Wissens eine große Rolle. Auf der Tagung wurde in Fallstudien für den Zeitraum zwischen 1550 und dem Jahr 2000 unter der Fragestellung diskutiert, welchen Einfluss diese Praktiken auf medizinisches Wissen hatten und wie diese ökonomischen und verwaltungstechnischen Praktiken das Wissen von und den Umgang mit Krankheit und Gesundheit geprägt haben, wie medizinisches Wissen erweitert, aber auch, wie Behandlungsformen verworfen wurden.

Die Tagung wurde organisiert von Axel Hüntelmann und Oliver Falk im Rahmen des von Volker Hess und J. Andrew Mendelsohn geleiteten ERC-Projektes Ways of Writing. How Physicians Know 1550-1950, das den Zusammenhang von Papiertechologien und medizinischem Wissen erforscht. Die TeilnehmerInnen waren im eigentlichen Sinne des Wortes eine Arbeitsgemeinschaft, und der Workshop probte ein besonderes Arbeitsformat. Der Tagung am ZiF waren bereits zwei kleinere Arbeitstreffen der Teilnehmer im Juni und Dezember 2016 in Berlin vorausgegangen. Auf diesen Arbeitstreffen wurden erste Entwürfe der geplanten Buchkapitel diskutiert und die einzelnen Beiträge aufeinander abgestimmt, die als Band veröffentlicht werden sollen. Auf der Tagung am ZiF wurden diese Beiträge erstmals im Rahmen einer breiteren Öffentlichkeit diskutiert und kommentiert. Die Autoren und Kommentatoren, in unterschiedlichen Disziplinen wie der Medizin, Geschichts- Wirtschafts-, Sozial- und Gesundheitswissenschaftler beheimatet, kamen aus Deutschland, der Schweiz, Großbritannien, Dänemark, Belgien, den Niederlanden und den USA.

Analog zur Herkunft der Teilnehmer nehmen die Beiträge Institutionen wie Arztpraxen, Krankenhäuser, Irrenanstalten, Militär, Versicherungen und Wohlfahrtseinrichtungen in Westeuropa und Nordamerika in den Blick. In der ersten Tagungssektion, in der Techniken der Buchführung in der ärztlichen Praxis zusammengefasst waren, erörterte Philip Rieder in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die unterschiedliche Rechnungsführung dreier Ärzte in der städtischen und ländlichen Umgebung von Genf. Oliver Falk stellte die Buch- und Aktenführung des Arztes Elliott Joslin in Boston vor, der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts tausende Diabetes-Patienten behandelte und deren Patientendaten verwaltete und auswertete. Die zweite, Gemeinwohl orientierte Institutionen umfassende Sektion erstreckte sich über die Buchführung thüringischer Bergbauärzte vom 16. bis zum 18. Jahrhundert (Andrew Mendelsohn), über die Krankenlisten und -statistiken der hannoveranischen und preußischen Armee im 18. Jahrhundert (Sebastian Pranghofer), den Versorgungs- und Abrechnungspraktiken schwedischer Krankenversicherungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (Helene Castenbrandt) bis hin zur Entwicklung einer internationalen Gesundheitsstatistik (Christopher Sirrs). In den Beiträgen wurde die Generierung von Gesundheitswissen im Spannungsfeld monetärer, moralischer und sozialer Ökonomien diskutiert. Die dritte Sektion - Produktion - befasste sich mit kalkulativen Praktiken bei der Entwicklung von Arzneimitteln, einmal des Pocken-Impfstoffes Anfang des 19. Jahrhunderts (Andrea Rusnock) und der klinischen Erprobung von Psychopharmaka in der Schweiz im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts. Die letzte Sektion - Haushalt - befasste sich mit dem Rechnungswesen französischer und britischer Krankenhäuser zwischen 1890 und 1950 (Barry Doyle), dem Krankenhausmanagement der Universitätsklinik Leuven in den 1920er bis 1960er Jahren (Joris Vandendriessche), der Diskussion von Heilungsraten in Irrenanstalten (Ted Porter) sowie den vielfachen Bedeutungen von Ökonomie im Krankenhaus im 19. Jahrhundert (Axel Hüntelmann). Abschließend kommentierte David Cantor die Tagung. Hervorgehoben werden soll die besonders anregende Diskussion: diese war zum einen durch die hervorragenden Kommentare möglich, die neue Perspektiven aufzeigten, und zum zweiten, weil die Referenten sich bereits gut kannten, an frühere Diskussionen anknüpfen und auf Grundlage der Kommentare und mit den Kommentatoren diese weiterdenken konnten und schließlich aufgrund der interdisziplinären Diskussion, die immer wieder zu überraschend anderen und neuen Einsichten führte. Auf Grundlage der Kommentare und der ertragreichen Diskussion werden die Beiträge abschließend überarbeitet und sollen als Sammelband veröffentlicht werden.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer
Lars Behrisch (Berlin, GER), David Cantor (Bethesda, USA), Helene Castenbrandt (Kopenhagen, DEN), Barry Doyle (Huddersfield, GBR), Alexa Geisthövel (Berlin, GER), Martin Gorsky (London, GBR), Anne Hardy (London, GBR), Heinrich Hartmann (Basel, SUI), Johannes Kassar (Berlin, GER), Saskia Klerk (Berlin, GER), Martin Lengwiler (Basel, SUI), Vera Linke (Bielefeld, GER), Harro Maas (Lausanne, SUI), J. Andrew Mendelsohn (Berlin, GER), Marion Mücke (Berlin, GER), Staffan Müller-Wille (Exeter, GBR), Theodore Porter (Los Angeles, USA), Sebastian Pranghofer (Hamburg, GER), Philip Alexander Rieder (Genf, SUI), Andrea Rusnock (Kingston, USA), Ruth Schilling (Bremerhaven, GER), Christopher Sirrs (London, GBR), Jakob Tanner (Zürich, SUI), Joris Vandendriessche (Leuven, BEL), Hendrik Vollmer (Leicester, GBR)


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