ZiF-Arbeitsgemeinschaft
Plakat

Die Überwindung von Raum und Zeit - Fremde Meere und Neue Welten in Antike und Früher Neuzeit



Termin: 7. - 8. Juni 2018
Leitung: Raimund Schulz (Bielefeld, GER)

Die Tagung erbrachte auf der Grundlage gehaltvoller Referate, ergänzt durch Beiträge auswärtiger Gäste und getragen durch multilinguale Diskussionen, drei wesentliche Erkenntnis- und Problemperspektiven:

  1. Eine wichtige Klammer, die maritime Exploration über die Zeiten verbindet, ist die große Bedeutung materieller und kommerzieller Motive sowie die Kooperation zwischen maritim ausgerichteten Küstenstädten und Herrschern größerer Territorialreiche, die an wertvolle Rohmaterialien heranzukommen suchten und mit der Erschließung neuer Seewege strategisch-machtpolitische Interessen verfolgten. Grundsätzlich bewegten sich die Akteure über vergleichbare Routen und Meere, deren Vorfeld in mehreren Etappen erschlossen wurde. Die Konkurrenz zwischen den Akteuren belebte die Explorationsdynamik wesentlich. Wo sie durch machtpolitische Entwicklungen (Bildung des Römischen Reiches) eingeebnet oder staatliche Initiativen (China in der Han-Zeit) unterdrückt wurden, konnte sich keine Dynamik entfalten, auch wenn die Erschließung neuer Seewege konzeptionell vorbereitet war.
  2. Ein breit diskutiertes Thema bildete die Frage nach dem Verhältnis zwischen empirischer Wissenserweiterung und ihrer kartographisch-geographischen Verarbeitung. Grundsätzlich dominierte die orale Vermittlung, dennoch konnten bereits in der Antike Händler- und Seefahrerinformationen wissenschaftlich und literarisch verarbeitet werden. Ob Geographen und Historiker Zugriff auf offizielles Kartenmaterial hatten, ist dagegen genauso umstritten wie die Frage, ob und in welcher Form es solches Kartenmaterial überhaupt gab, da wir keine Originale besitzen. Eine ähnliche Problematik bestimmte die Einschätzung der portugiesischen Kartographie. Während einige aus dem Fehlen von Kartenwerken im Zuge der Erkundung des Seeweges um Afrika schlossen, dass es solche nicht gab, verwiesen andere auf die Geheimhaltungspflicht der Kapitäne und Mannschaften sowie die Tatsache, dass das Erdbeben von Lissabon 1755 große Bestände vernichtet habe, ein Argument, das sich auch auf antike Verhältnisse (Zerstörungen der Bibliotheken von Alexandria und Karthago) anwenden lässt.
  3. Bei der Diskussion um die literarische Verarbeitung ethnographischer Phänomene ging es um die Interessen, Formen und Traditionen, aus denen heraus Texte mit ethnographischen Inhalten entstanden. In allen von der Konferenz behandelten Epochen ist mit einer komplexen Stufenfolge zu rechnen: Wenn Expeditionsleiter auf unbekannte Ethnien trafen, dann leiteten sie bei der Verschriftlichung ihrer Beobachtungen zunächst pragmatische Interessen, die sich an den ökonomischen und politischen Zielen des Unternehmens orientierten. In einer zweiten Phase werden die empirischen Informationen in literarische Raster und Kontexte eingeordnet, die stark von den jeweils benutzten Genera und Intentionen der Autoren abhängig sind. Eine wichtige Erkenntnis der Konferenz war, dass bei der gezielten Einarbeitung antiker Motive, Topoi und Zitate durch neuzeitliche Schriftsteller durchaus unsicher ist, ob der Autor tatsächlich antike Texte benutzte oder sich einen eigenen Pool vorgeblich der Antike entstammender Zitate schuf. Es gab offensichtlich mehrere »Antiken«, die abgerufen und in neuen Zusammenhängen präsentiert wurden. Eine dritte Stufe bildet die grundlegende literarische Neuformung eines anspruchsvollen Textes, der das Wissen um zeitgenössische nautische und technische Errungenschaften sowie kosmologische Phänomene zu einer eigenen Form komponierte. Gerade in diesem Bereich der literarischen Verarbeitung ethnographischer Beobachtungen besteht nach Auffassung der Konferenzteilnehmer im Hinblick auf den epochenübergreifenden Vergleich ein erhebliches Forschungsdesiderat, das in Kooperation von Geschichts- und Literaturwissenschaften weiter aufgearbeitet werden muss.

Tagungsprogramm
download
Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Ingrid Baumgärtner (Kassel, GER), Ronald Bockius (Mainz, GER), Peter Borschberg (Singapur, SIN), Peter Braun-Angott (Düsseldorf, GER), Jürgen Elvert (Köln, GER), Daniel Emmelius (Bielefeld, GER), Antje Flüchter (Bielefeld, GER), Norbert Gertz (Bielefeld, GER), Klaus Geus (Berlin, GER), Julian Gieseke (Bielefeld, GER), Yingyan Gong (Tokio, JPN), Ann-Cathrin Harders (Bielefeld, GER), Hermann Hiery (Bayreuth, GER), Maria Hiery (Bayreuth, GER), Sebastian Kolditz (Heidelberg, GER), Kirsten Kramer (Bielefeld, GER), Marie Lemser (Bielefeld, GER), Ralf Rapior (Bielefeld, GER), Dorothea Rohde (Bielefeld, GER), Duane W. Roller (Santa Fe, USA), Letitia K. Roller (Santa Fe, USA), Benjamin Scheller (Essen, GER), Angela Schottenhammer (Salzburg, AUT), Monika Schuol (Eichstätt, GER), Eivind Heldaas Seland (Bergen, NOR), Antonio Sforacchi (Bielefeld, GER), Yixuan Shen (Tokio, JPN), Simon Temme (Bielefeld, GER), Uwe Walter (Bielefeld, GER), Christian Wendt (Berlin, GER)

Organisatorische Fragen beantwortet Trixi Valentin im Tagungsbüro. Bei inhaltlichen Fragen wenden Sie sich bitte direkt an die Veranstaltungsleitung.


Tel: +49 521 106-2769
Fax: +49 521 106-152769
E-Mail: trixi.valentin@uni-bielefeld.de