Zentrum für interdisziplinäre Forschung
 
 

Das ZiF trauert um Nobelpreisträger Prof. Dr. Reinhard Selten

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Reinhard Selten, Wegbereiter der Spieltheorie in Deutschland, einziger deutscher Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften, von 1972 bis 1984 Professor der Universität Bielefeld und langjähriger wissenschaftlicher Berater des Zentrums für interdisziplinäre Forschung (ZiF), ist, wie erst jetzt bekannt wurde, am 23. August im Alter von 85 Jahren verstorben.

Die Spieltheorie analysiert strategisches Verhalten und zeigt, welche Handlungsmöglichkeiten Gewinn bringen, welche für Mitspieler anschlussfähig sind und welche in ein sinnloses Patt führen. Vieles von dem, was in der Wirtschaft mit ihren zahlreichen komplexen Interaktionen passiert, kann mit diesem Werkzeug viel besser verstanden werden. Reinhard Selten hat maßgeblich dazu beigetragen, dass die Spieltheorie heute zu den Grundlagen der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften gehört. Seine "Allgemeine Theorie der Gleichgewichtsauswahl", die ihm zusammen mit John Harsanyi und John Nash den Wirtschaftsnobelpreis des Jahres 1994 einbrachte, schließt unrealistische Spielverläufe aus und ermöglicht präzisere Vorhersagen.

Selten interessierte sich für die Welt, nicht für den Elfenbeinturm, und begann als einer der ersten mit empirischer Wirtschaftsforschung: Statt von einem perfekt rationalen Marktteilnehmer auszugehen analysiert er, wie sich echte Menschen in Spielsituationen verhalten. Dabei war ihm die Wirtschaftswissenschaft allein nie genug: Kooperationspartner, die er brauchte, um die Spieltheorie auf Themen wie internationale Konflikte oder das Evolutionsgeschehen anzuwenden, fand er am ZiF in Bielefeld. Hier leitete er in den 1980er Jahren eine Forschungsgruppe zur Spieltheorie in den Verhaltenswissenschaften, aus deren Teilnehmern sich insgesamt drei Nobelpreisträger rekrutieren, und im Jahr 2000 eine weitere Gruppe zur Entscheidungsfindung. 2011 war er Mitveranstalter einer großen ZiF-Konferenz zur Finanzkrise und beeindruckte mit einer bestechenden Analyse.

Bis zum letzten Jahr war Reinhard Selten dem ZiF als Mitglied im Beirat verbunden. Das ZiF trauert um einen wunderbaren Menschen, brillanten Denker und engagierten Verfechter der Interdisziplinarität, der noch zahlreiche Projekte geplant hatte, die er nun nicht mehr vollenden kann. Unser Beileid gilt seinen Angehörigen.

Ein Interview aus dem Jahr 2011, in dem Prof. Dr. Reinhard Selten seine Arbeit erklärt, ist hier abrufbar: Mit Experimenten geht es besser (PDF)



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