Zentrum für interdisziplinäre Forschung
 
 

ZiF-Forschungsgruppe

Theorie des sozialen Wandels

1997/1998

Leitung: Prof. Dr. Günter Dux (Freiburg, GER))

Eine Theorie des sozialen Wandels ist ein Desiderat einer Theorie der Gesellschaft, wie immer letztere angelegt sein mag. Sie impliziert eine Theorie der Geschichte. Eben deshalb ist sie blockiert. Das Desaster der Geschichtsphilosophie hat Wirkung gezeigt. Die Einsicht, daß die Geschichte nicht als Prozeß verstanden werden kann, der zwischen Ursprung und Ziel sinnhaft gerichtet verläuft, hat dazu geführt, jedes Bemühen um ein Verständnis auch der Strukturlogik in der Entwicklung der Gesellschaft von den früheren Gesellschaften bis zu den industriellen Gesellschaften der Gegenwart zu perhorreszieren. Dabei bleibt unverstanden, daß eine Rekonstruktion der Abfolge der historischen Strukturen und ein sinnhaft teleologisches Verständnis der Geschichte nichts miteinander gemein haben, mehr noch: daß sie zwei verschiedenen materialen Logiken im Verständnis der Welt zugehören.
Die Blockade einer Theorie sozialen Wandels steht in Widerspruch zu einem abundanten historischen Material, das wir im 20. Jahrhundert gewonnen haben. Wir haben die ganze Geschichte im Blick. Was "ganze Geschichte" heißt, läßt sich zeitlich wie organisatorisch bestimmen. Wir verstehen die geistige, sozio-kulturelle Daseinsweise des Menschen als Anschlußorganisation an eine evolutiv heraufgeführte Naturgeschichte. Die Strukturfolge der gesellschaftlichen Organisationsformen, von den frühen paläolithischen Gesellschaften auf dem Subsistenzniveau des Sammelns und Jagens bis zu den industriellen Gesellschaften ist das, was im Zentrum des Interesses einer Theorie des sozialen Wandels steht. Dieses Interesse läßt sich allerdings nur dann verfolgen, wenn man mit einem Strukturbegriff operiert, der unterschiedliche Organisationsniveaus von Gesellschaften kennt. Wie die Unterschiede im Organisationsniveau in der Abfolge der Gesellschaften zu bestimmen sind, ist eines der virulenten Probleme dieser Theorie.
Aufs Ganze geht keine Wissenschaft. Eine Theorie des sozialen Wandels muß deshalb das Erkenntnisinteresse auf sensitive Phasen der historischen Entwicklung konzentrieren. Sensitive Phasen sind jene, die zu einem veränderten Organisationsniveau geführt haben. Die Neolithisierung ist eine solche Phase, die Entstehung archaischer Gesellschaften mit der Ausbildung von Staat und Herrschaft eine andere. Diese Prozesse lassen sich in allen Teilen der Erde an der Ausbildung ansonsten überaus unterschiedlicher Organisationsformen von Gesellschaft studieren. Es bereitet keine prinzipiellen Schwierigkeiten, Gesellschaften einzubeziehen, die lange Zeit nicht im mainstream des historischen Interesses in Europa gestanden haben: Gesellschaften in Indien, China, Mittel- und Südamerika oder sonstwo. Praktisch sind die Schwierigkeiten erheblich. In der scientific community unserer eigenen Gesellschaft stößt das Forschungsinteresse auf die eingangs erwähnte Blockade, überhaupt mit einem entwicklungstheoretischen Erkenntnisinteresse an der Geschichte befaßt zu sein.
Das Forschungsprojekt im ZiF zeichnet sich durch eine ungewöhnliche Vielzahl beteiligter Disziplinen aus. Die Arbeit kann nur dezentriert erfolgen: Für die jeweiligen Phasen der historischen Entwicklung sind Forschungsfelder formuliert, deren Forschungsstand fixiert werden soll. So sehr wir darauf angewiesen und zugleich auch darauf beschränkt sind, den gegenwärtigen Forschungsstand zu markieren, jedes der Forschungsfelder wird unter einer entwicklungstheoretischen Fragestellung bearbeitet: Das Interesse konzentriert sich auf die Differenz in den Strukturen der Organisation und die Klärung derjenigen Bedingungen, unter denen neue Entwicklungspotentiale geschaffen und ein neues Entwicklungsniveau der gesellschaftlichen Organisation institutionalisiert werden konnte. Insofern ist das historische Forschungsinteresse auf allen Forschungsfeldern von einem entschieden soziologischen Forschungsinteresse unterlegt.
Ein entschieden soziologisches Forschungsinteresse ist es auch, im Verfolg des sozialen Wandels die sozialstrukturelle Entwicklung, der kognitiven insbesondere, in Engführung zu halten. In einem früheren Forschungsprojekt zum Prozeß der Geistesgeschichte hat sich gezeigt, daß sich auch letztere nicht verstehen läßt, ohne die sozialstrukturelle Entwicklung mitzuführen. Auch insoweit sind dem Forschungsprojekt jedoch enge Grenzen gesetzt. Von Vorteil ist, daß auf Vorarbeiten zurückgegriffen werden kann.

Tagungsübersicht der ZiF:Forschungsgruppe

Mitglieder der ZiF:Forschungsgruppe

Anfragen zur ZiF:Forschungsgruppe Theorie des sozialen Wandels beantwortet die wissenschaftliche Assistentin Jeanette Werning M. A., Tel.: 0761/292 3902, Fax: 0761/292 3903, EMail: tdsw@uni-freiburg.de
Freiburger Forschungsstelle "Theorie des sozialen Wandels"



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