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Making Choices

ZiF:Forschungsgruppe 1999/2000

Wissenschaftliche Leitung: Joachim Frohn (Bielefeld), Werner Güth (Berlin), Hartmut Kliemt (Duisburg), Reinhard Selten (Bonn)

Abschlussbericht

Die im Forschungsjahr 1999-2000 am ZiF versammelte Forschungsgruppe bestand aus Kollegen und Kolleginnen verschiedener Disziplinen. Dazu gehörten insbesondere die Mathematik, Medizin, Philosophie, Psychologie, Wirtschaftswissenschaften und Statistik. Die Gruppe war grundsätzlich international besetzt, jedoch schwerpunktmäßig mit Kollegen aus dem deutsprachigen Raum. Eine etwas stärkere internationale Ausrichtung hätte der Gruppe vermutlich - wie sich im nachhinein feststellen lässt - zusätzlichen Auftrieb gegen können. Dennoch darf man davon ausgehen, dass die Forschungsgruppe insgesamt angemessen besetzt war, um die Ziele des Forschungsjahres erfolgreich zu verfolgen.
Das Hauptziel der Forschungsgruppe bestand darin, den Brückenschlag zwischen den etablierten Modellen vollständiger Rationalität, wie sie vor allem in der Ökonomik und der mathematischen Entscheidungstheorie bzw. Spieltheorie vorherrschen, und Modellen beschränkter Rationalität zu verbreitern und zu festigen. Letztlich geht es in einem solchen Unterfangen darum, den Fakten menschlichen Entscheidungsverhaltens, so wie es sich empirisch darstellt, adäquat in unseren Theorien menschlichen Verhaltens Rechnung tragen zu können. Selbstverständlich ging die Forschungsgruppe davon aus, dass für jede Art allgemeinerer Theoriebildung gewisse Idealisierungen und Vereinfachungen notwendig sind. Ohne Abstraktion ist keine sinnvolle Theoriebildung möglich. Dies anzuerkennen, bedeutet jedoch keinesfalls, die viel weitere These zu akzeptieren, dass die extremen Abstraktionen und Idealisierungen, die in Theorien vollständig rationalen Verhaltens notwendig sind, Sinnvollerweise gemacht werden dürfen.
Die meisten Mitglieder der Forschungsgruppe sind von vornherein davon ausgegangen, dass man sich schließlich weitgehend von den etablierten Modellen und Theorien vollständig rationalen Verhaltens wird lösen müssen, wenn man grundsätzliche Durchbrüche in der Modellierung menschlichen Entscheidungsverhaltens erzielen will. Der neo-klassische Reparaturbetrieb, in dem man auf abweichende Befunde (mehr oder minder ad hoc) durch Korrekturen am unterstellten Rationalwahlmodell reagiert, kann informativ und lehrreich sein. Einige der Gruppenmitglieder waren auch durchaus tatkräftig im Rahmen dieses Reparaturbetriebes tätig bzw. sind es noch. Die Grundüberzeugung der Forschungsgruppe war es jedoch, dass man eruieren sollte, welche radikalen Alternativen zu den bisherigen Forschungsprogrammen möglicherweise fruchtbar sein könnten. Diesem Ziel diente die Arbeit in dem Projekt Making Choices in dem abgelaufenen Forschungsjahr hauptsächlich.
Die Arbeitsweise der Gruppe gestaltete sich konkret so, dass jeweils montags und donnerstags Vortragszusammenkünfte abgehalten wurden. Die eher explorativen Arbeiten waren tendenziell dem Montag vorbehalten, die schon weiter fortgeschrittenen, reiferen dem Donnerstag. Typischerweise trugen Mitglieder der Gruppe aus ihrer eigenen Arbeit zunächst eineinhalb Stunden vor. Danach folgte eine in der Regel über einstündige Diskussion und Vertiefung des Vortrages. Dieses Vorgehen hat sich in jedem Falle bewährt. Der gegenüber den üblichen akademischen Gepflogenheiten erweiterte Zeitrahmen gibt Gelegenheit, entspannt und konstruktiv über ein Thema zu berichten bzw. zu diskutieren. Alle Vorträge und Diskussionen wurden in englischer Sprache geführt, um den Bedürfnissen ausländischer Gruppenmitglieder Rechnung tragen zu können.
Gegenstand der Arbeitssitzungen der Gruppe waren im wesentlichen Vorträge aus vier Themenbereichen. Ein erstes Zentralthema bildeten Berichte zu Verhaltensexperimenten und empirischen Untersuchungen. Es wurden Grundsachverhalte menschlichen realen Entscheidungsverhaltens in stilisierter Form präsentiert. Da einige führende experimentelle Ökonomen und Psychologen an den Arbeiten der Gruppe teilgenommen haben, konnten wir während des Forschungsjahres einen recht umfassenden Eindruck vom Stand der Forschung auf diesem Gebiet gewinnen.
Das war besonders nützlich für die Behandlung des zweiten Themenbereichs, der von der Gruppe schwerpunktmäßig behandelt wurde, nämlich Modellierungs- bzw. Systematisierungsversuche, die das Ziel einer ersten Vereinheitlichung empirischer Erkenntnisse hatten. Dieses ambitionierte Unternehmen konnte selbstverständlich nur in Ansätzen vorangetrieben werden. Einige der interessantesten Beiträge und Diskussionen ergaben sich jedoch gerade hier.
Zum Dritten beschäftigten die Gruppe bestimmte Grundsatzprobleme einer Abgrenzung von voller und beschränkter Rationalität. Diese Grundsatzprobleme waren teilweise fundamentaler philosophischer Art. So versuchten beispielsweise einige der anwesenden Philosophen, alternative Konzeptionen voller Rationalität vorzuschlagen, die dann ihrerseits von anderen Mitgliedern der Forschungsgruppe als Modelle beschränkter Rationalität klassifiziert wurden. Hier wurden grundsätzliche Kontroversen hinsichtlich des Rationalitätskonzeptes spürbar. Die interessanten Diskussionen umfassten insbesondere auch die Frage, inwieweit die Theorien beschränkter Rationalität nicht nur den Ansprüchen empirischer Validität, sondern auch gewissen normativen Ansprüchen einer Rationalitätstheorie noch genügen können.
Einen vierten Hauptgegenstand des Interesses bildete die ganz konkrete Anwendung von Modellen des Entscheidens auf praktische Probleme. Um das Interesse und damit die Arbeit der Gruppe insgesamt zu fokussieren wählten wir das Problem der Organallokation im Eurotransplant-Verbund. Dieses Thema bot sich als Gegenstand des Interesses der Arbeitsgruppe aus verschiedenen Gründen an. Zum einen gab es in der Gruppe Expertenwissen zu den ethischen, ökonomischen und auch medizinischen Problemen, die sich im Zusammenhang mit Entscheidungen über die Organallokation stellen. Zum anderen handelt es sich bei den in diesem Bereich zu treffenden Entscheidungen um sogenannte "harte bzw. lebenswichtige Entscheidungen", die möglicherweise zu besonderen Entscheidungsüberlegungen Anlass geben. Und schließlich kann man die Verknüpfung zwischen der Wahl von Regeln und der Wahl unter Regeln am Beispiel der Organallokation exemplarisch studieren. Die Gruppe stellte hierzu eigenständige empirische Untersuchungen zur Repräsentation von Expertenurteilen an. Darüber hinaus führte sie eine Umfrage unter Laien zur Erhebung grundsätzlicher für die Zuteilungsentscheidungen in der Organallokation relevanter Werteinstellungen durch.
Wie bei allen Projekten dieser Art ließen sich einige Pläne nicht realisieren, andere Vorstellungen sich wie geplant umsetzen, während wieder andere Zielsetzungen in Form positiver Überraschungen gleichsam übererfüllt wurden. Der ursprüngliche Plan, während der Projektlaufzeit bereits mit einem ersten Zeitschriftensonderband herauszukommen, ließ sich nicht realisieren. Von den gegenwärtig vier geplanten Bänden liegt allerdings wenigstens der erste - Bye Bye Homo Oeconomicus? - in Fahnenform vor. Als Autoren bzw. Koautoren sind an ihm u.a. beteiligt W. Albers, A. Diederich, M. Dufwenberg, J. Frohn, A. Gantner, U. Gneezy, W. Güth, H. Kliemt, M. Königstein, W. Neuefeind, A. Ostmann, R. Pope, R. Selten und B. Vogt.
Das Material für weitere Bände ist ebenfalls in größeren Teilen bereits verfügbar, bedarf jedoch teilweise noch der weiteren Bearbeitung, bevor es publikationsreif ist. Ein weiterer Band wird wie der erste wesentlich experimentellen Studien und komplementären Modellierungen gewidmet sein, ein weiterer wird einen Schwerpunkt im Bereich von Grundlagenproblemen einschließlich solcher philosophischer Art setzen. Hinzu tritt schließlich ein Band über Entscheidungsprobleme der Organallokation, zu dem bereits Beiträge bzw. Untersuchungen von M. Ahlert, K. Borcherding, A. Diederich, G. Gubernatis, W. Güth, M. Hild, R. Klein, H. Kliemt, W. Neuefeind, S. Schmeer und Th. Wujciak zumindest in ersten Fassungen aber auch teilweise in der Endversion vorliegen.
Die Zielsetzung, allgemeineren Strukturen beschränkt rationalen Verhaltens durch Verallgemeinerungen empirischer Ergebnisse auf die Spur zu kommen, ließ sich allenfalls in Ansätzen realisieren. Erfolgreich war sicherlich die Arbeit in den Sitzungen der Gruppe, die durchweg Beiträge auf hohem Niveau zum Gegenstand hatten. Die Zusammenarbeit in der Gruppe selber gestaltete sich im wesentlichen reibungslos. Positive Überraschungen bildeten sicherlich die Tagung zu ökonomischen Psychologie, die im wesentlichen von den beteiligten Psychologen organisiert wurde, und - wie erwähnt - die Arbeiten zur Organallokation, die mittlerweile im Rahmen des Projektes vollendet wurden. Wir verbuchen beides unter der Rubrik »Erfolge des Projektes«, so wie wir insgesamt die Arbeit als erfolgreich ansehen. Eine endgültige Bewertung von Erfolg und Misserfolg des Forschungsjahres 1999-2000 wird allerdings erst dann möglich sein, wenn alle geplanten Sammelbände mit Beiträgen der Beteiligten erschienen sind und sich zeigt, dass die während des Projektes begonnenen Formen der Zusammenarbeit sich tatsächlich über das Projekt hinaus als erfolgreich und fruchtbar erweisen.

Die Beiträge

Die Mitglieder und Teilnehmer

Der gesamte Abschlussbericht (PDF-Datei, 42kB)

Anfragen zur Forschungsgruppe Making Choices beantwortet der Sprecher der Gruppe Werner Güth oder die wissenschaftliche Assistentin Brigitte Adolph





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