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ZiF-Forschungsgruppe

Herausforderungen für Menschenbild und Menschenwürde durch neuere Entwicklungen der Medizintechnik

2009/2010

Leitung: Jan C. Joerden (Frankfurt (Oder)), Eric Hilgendorf (Würzburg), Felix Thiele (Bad Neuenahr-Ahrweiler)

Mit der rasanten Entwicklung des medizinischen, insbesondere des medizintechnischen Fortschritts vermögen die überkommenen Vorstellungen von Ethik kaum Schritt zu halten. Zwar sind die Möglichkeiten der künstlichen Befruchtung, der Bildung von Chimären (›Minotauros‹), ja der ›Herstellung‹ von Menschen (›Homunculus‹) immer schon in der Literatur und Mythologie bedacht worden, doch gab es bisher keine geschichtliche Periode, in der diese Mythen in den Bereich des Realen gelangen konnten. Dies ist seit einigen Jahren anders. Nunmehr kann und muss ernsthaft nicht nur über die Möglichkeiten der künstlichen Befruchtung und die damit zusammenhängenden ethischen und sozialen Probleme nachgedacht werden, sondern auch über früher völlig utopisch erscheinende medizintechnische Handlungsoptionen wie (1) die Veränderung des Erbgutes (Keimbahneingriffe) zum Zwecke der ›Verbesserung des menschlichen Programms‹ (sog. Enhancement), (2) das (therapeutische oder sogar reproduktive) Klonen von Menschen, (3) die Vorhersage von Krankheiten anhand einer Genanalyse, einschließlich der Möglichkeiten zur individualisierten pharmakologischen Therapie in Relation zur jeweiligen genetischen Ausstattung des Patienten (sog. Pharmakogenomik), (4) die Möglichkeiten zur Vermeidung von schweren (Erb-)Krankheiten, aber auch zur ›Auswahl‹ bestimmter phänotypischer Ausprägungen (Haarfarbe, Geschlecht, Intelligenz etc.) im Rahmen der künstlichen Befruchtung, vor allem im Zuge der Präimplantationsdiagnostik, (5) die Bildung von Chimären und Hybriden zu Zwecken der Forschung (Verschmelzung von menschlichen und tierischen Zellen, zum Teil sogar mit Entwicklungsfähigkeit) und zur Behandlung von Krankheiten (etwa die Verwendung von tierischen Hirnzellen zur Parkinson- und/oder Alzheimertherapie beim Menschen), (6) die Herstellung von embryonalen Stammzellen durch Klonprozesse und von Stammzellen durch ›Reprogrammierung‹ adulter Zellen, (7) die Züchtung von menschlichen Zellen und Gewebestrukturen, ja von ganzen Organen, etwa im Wege sog. therapeutischen Klonens, (8) die Möglichkeiten der Einführung einer Nanobiotechnologie im Bereich der medizinischen Diagnose und Therapie, (9) die Erzeugung und Verwendung von Mensch-Maschine-Schnittstellen, nicht nur im Rahmen des (zeitweiligen) Organersatzes, sondern auch zur dauerhaften Funktionsergänzung und -verbesserung insbesondere der Sinnesorgane, (10) die Erforschung und Überwachung der Funktionen des Gehirns, bis hin zu Eingriffen in das Gehirn (etwa bei sog. Gehirnschrittmachern zur Behandlung von Parkinson), (11) die ständige Verbesserung von Organtransplantationen mit den damit zusammenhängenden Verteilungsproblemen und der Option der diesbezüglichen Kommerzialisierung, aber auch die Möglichkeiten und Gefahren der Xenotransplantation.
Es liegt auf der Hand, dass diese und weitere technische Entwicklungen eine Fülle von ethischen Problemen aufwerfen, die bisher nur ansatzweise diskutiert sind, geschweige denn gelöst wären. Dabei geht es nicht nur um das in der Medizin immer schon virulente und nicht wirklich neue Problem der Ressourcenknappheit und der damit zusammenhängenden Probleme der Verteilungsgerechtigkeit, sondern schon als Vorfrage dieser Problematik darum, ob es überhaupt ethisch zulässig ist, die jeweiligen medizintechnischen Verfahren zu entwickeln, um sie dann anzuwenden. Ein Topos, der bei der Beurteilung dieser Fragen immer wieder bemüht wird, ist der zumindest seit Immanuel Kants Schriften zur Rechts- und Moralphilosophie diskutierte Grundsatz des Menschenwürdeschutzes. So wird argumentiert, etwa das sog. Enhancement oder das Klonen verstoße gegen den Grundsatz der Menschenwürde, aber auch der technische Eingriff in das Gehirn oder die Verbindung von menschlichen und tierischen Zellen bei der Chimärenbildung sei mit diesem Gedanken unvereinbar.
Darüber hinaus werfen einige der neuen medizintechnischen Möglichkeiten noch schwerer wiegende Fragen hinsichtlich der prinzipiellen Anwendbarkeit des Menschenwürdearguments auf. So etwa dann, wenn es darum geht zu klären, ob die Verbindung eines Menschen mit einem Tier (Chimäre) einen Verstoß gegen den Menschenwürdegrundsatz darstellt. Dies ist schon deshalb fraglich, weil unklar ist, ob das durch die Verschmelzung von menschlichen und tierischen Zellen ggf. entstehende Wesen überhaupt Träger des Menschenwürdeschutzes sein kann, wo es doch per definitionem gar nicht nur aus menschlichen Zellen besteht, sondern eine Mensch-Tier-Mischung darstellt. Dabei taucht das Problem nicht erst bei der sicher eher fernliegenden Herstellung eines lebensfähigen Wesens auf, sondern - unter Zugrundelegung, dass auch schon Frühformen der menschlichen Entwicklung grundsätzlich menschenwürdefähig sind - bereits bei der Verschmelzung von tierischen Zellen oder Zellbestandteilen mit menschlichen Frühformen der Individualentwicklung. Möglicherweise spielt hier die Kategorie eines bestimmten schutzwürdigen Menschenbildes eine noch gravierendere Rolle als bei der Begründung des Tötungsverbotes im Hinblick auf Frühstadien der Menschwerdung. Ansatzweise stellt sich dieses Problem auch schon bei der Xenotransplantation. Ganz ähnliche Fragen werfen die Möglichkeiten einer Verbindung von Mensch und Maschine zu Maschinenwesen eigener Art auf, wie sie etwa mit der Nanobiotechnologie oder anderen Mensch-Maschine-Verbindungen ins Auge gefasst und teilweise schon praktiziert werden.

Ziel der Forschungsgruppe ist es, auf der Basis der überkommenen Konzepte von Menschenbild und Menschenwürde zu untersuchen, ob diese überhaupt auf die moderne medizintechnische Entwicklung übertragbar sind und ob diese Konzepte noch geeignet sind, unsere Antworten auf die damit zusammenhängenden ethischen Fragen zu steuern. Möglicherweise müssen andere, zusätzliche Konzepte hinzutreten, um überhaupt noch adäquate Beurteilungen auf diesem Gebiet zu ermöglichen.



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