ZiF-Forschungsgruppe

'Felix Culpa'?

Zur kulturellen Produktivität der Schuld

Oktober 2018 - Juli 2019

Leitung: Matthias Buschmeier (Bielefeld, GER), Katharina von Kellenbach (St. Mary's City, USA)
ZiF-Workshop

Unreinheit und Schuld


14. - 15. März 2019
Leitung: Meinolf Schumacher (Bielefeld, GER), Katharina von Kellenbach (St. Mary's City, USA)

Vorstellungen von Reinheit und Unreinheit sowie Praktiken des rituellen Reinigens waren in den letzten Jahren häufig Gegenstand interdisziplinärer Diskussionen, die sich wohl sämtlich mit den grundlegenden Studien der Anthropologin Mary Douglas auseinandersetzen. Trotz des beachtlichen Forschungs- und Publikationsaufwandes in diesem Bereich bleiben viele Aspekte durchaus strittig, gerade dort, wo sie gesellschaftliche und politische Relevanz besitzen. Ein Beispiel dafür stellt die enge Verbindung von Unreinheit und Hybridität dar. Vermischungen aller Art können als Bedrohung empfunden werden, als Gefahr, da sie vertraute (und alltagsweltlich bewährte) Ordnungsmuster in Frage stellen. Zugleich rufen Migrationsforscher wie Paul Mecheril zu einer Politik der Unreinheit auf, zu einem Handeln, das Mischung als etwas grundsätzlich Positives anerkennt. Im politischen Diskurs indes erscheint es zunehmend fraglich, ob es gelingen kann, Zustimmung für eine (Migrations-)Politik zu bekommen, die sich ausdrücklich dem 'Unreinen' verschreibt. Sind doch die Ablehnung von Unreinheit und Schmutz sowie die entsprechende Hochschätzung des Reinen kultur- und religionsgeschichtlich betrachtet außerordentlich verbreitet und bleiben in der Regel auch unhinterfragt. Allerdings zeigt sich zumindest in intellektuellen Diskursen inzwischen Skepsis und Ablehnung. Denn zu stark ist diese Haltung und die damit verbundene Rhetorik mit Ideologien verbunden, die – oft durch eine gezielte Politik des Ekels – zu Diskriminierung und Ausgrenzung bis hin zu Massakern und Völkermord geführt haben und führen. Die Rede von 'politischen Säuberungen' oder von 'ethnischen Säuberungen' gehört ebenso hierher wie die Apartheid-Politik, Kampagnen gegen 'Schmutz und Schund' in den Bibliotheken, gegen 'entartete Kunst' in den Museen oder gegen Ketzer in religiöser, gegen 'Fremde' in ethnisch-politischer und gegen Homosexuelle in geschlechtlicher Hinsicht. Auf den deutschen Nationalsozialismus trifft fast jeder dieser Punkte zu. Öffentliche Verbrennungen von Menschen, Büchern oder Gotteshäusern sind immer auch als Rituale der Reinigung verstanden worden, bei denen die Gemeinschaft (Staat, Volk, Kirche usw.) als 'Körper' von Schmutz befreit werden soll. Das Gleiche gilt allerdings häufig für die juristische Aufarbeitung oder ökonomische Wiedergutmachung nach großem geschehenem Unrecht. Allein schon aufgrund der Bildlogik des Reinigens bleiben sie in exkludierenden Denkmustern des Ausgrenzens und Trennens befangen. So verwundert es nicht, wenn dieses Unbehagen an der Reinheitsrhetorik heute zur Suche nach Alternativen führt. Dabei sind zwei gegenläufige Tendenzen erkennbar: Während die einen für ein radikales Anerkennen des Unreinen und damit des Schmutzes plädieren (wie in der erwähnten Politik der Unreinheit), präferieren die andern ökologische Metaphern wie Kompostieren und Recycling als Ersatz für Vorstellungen von Reinigung. Hier ist zu diskutieren, wie tragfähig solche Alternativmodelle zur Reinheit sein können und wie realistisch es ist, die Sprache und das Denken der Menschen in einem offenbar ebenso zentralen wie tief verwurzelten Punkt des Weltverständnisses verändern zu wollen.

Der Workshop stellt diese Fragen vor allem im Blick auf das Thema der Schuld, die von jeher eng mit Unreinheitskonzeptionen verknüpft war – seien sie materiell, rituell oder metaphorisch verstanden. Damit ließ sich zum Beispiel im christlichen Kontext die Buße als Akt des Bearbeitens und Tilgens von Schuld als eine Reinigung begreifen; aber auch die Sühnepraktiken anderer Religionen gehören hierzu. Gerät nun die allgemeine Hochschätzung der Reinheit ins Wanken, dann stellt sich in diesem Bereich ebenfalls die Frage nach alternativen (Bild-)Modellen, unter denen wir uns das kulturelle Produktivwerden von Schuld sinnvoll vorstellen können. Gibt oder gab es Rituale des Umgangs mit Schuld, die ganz auf den Bildhintergrund des Unreinen verzichten? Finden wir sie eher in den Religionen, den Gesellschaften oder in der Kunst? Welche von ihnen eignen sich besonders dazu, positive kulturelle Dynamiken freizusetzen?

Der Workshop will zudem die Frage noch einmal aufwerfen, ob und unter welchen Bedingungen ein Reinigungsmodell für das Bearbeiten von Schuld gerettet werden kann. Zu erwägen wäre die Möglichkeit, den Fokus von der (wieder-)herzustellenden Reinheit auf dasjenige umzulenken, was nach jedem Reinigungsvorgang übrig bleibt, und damit auf das Moment des Unabgegoltenen, das religiösen oder juristischen Bemühungen, Schuld zu tilgen, offenbar immer eignet. Ist eine solche Umakzentuierung möglich und wäre sie dem völligen Verzicht auf jede Reinheitssemantik vorzuziehen?

Bei weiteren Fragen und für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an Dr. Saskia Fischer, Koordinatorin der Forschungsgruppe Felix Culpa.



E-Mail: productiveguilt@uni-bielefeld.de
Tel. +49 521 106-12836