Zentrum für interdisziplinäre Forschung
 
 

Kunst am ZiF

pro_ jektionen

Multimedia Installationen

Vernissage: 6. November, 11:30

Ausstellung: 6. November - 16. Dezember 2011

Künstler: Gabriele Undine Meyer (Bielefeld)

Gabriele Undine Meyer zeigt im ZiF eine sehr persönliche Ausstellung mit Multimedia Installationen unter dem Titel “pro_ jektionen”. Die Bielefelder Künstlerin hat viele Jahre zum Thema kollektive Erinnerung gearbeitet. Seit 2008 setzt sie sich mit ihrer eigenen Biografie auseinander. In diesen Arbeiten (“Vorübergehende Behausung” 2008, “Me, Myself, Poosie and I”, 2010) thematisiert sie die Verwobenheit des Subjekts mit gesellschaftlichen Ein- und Umbrüchen. In den für das ZiF neu geschaffenen Installationen greift sie biografische Aspekte auf, in denen sich auch kollektive Erfahrungen der deutschen Nachkriegssituation zwischen „Ost und West“ widerspiegeln.

Steigt man zum ersten Stock des ZiF hinauf, hört man als erstes eine flüsternde Stimme, die von einem metallenen Rundgestell kommt. Schaut man in den kleinen zylindrigen Turm hinein, entdeckt man oben eine Videoprojektion: schwarzweiße Familienfotos aus der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, deren idyllische Szenen sich immer wieder kreisförmig verdrehen und verzerren. Von oben herunterhängend umgrenzen das Zylindergestell gelbliche Stoffstreifen, die in Sütterlinschrift mit einem Text bestickt sind. Das von oben herabfallende Projektionslicht und die Schleifen der Textbänder lenken den Blick nach unten auf eine papierene Halbkugel, in die leere Fotorahmen eingelassen sind. Die flüsternde Stimme von oben erzählt die Geschichte einer Flucht: die Vertriebenen ziehen von Ort zu Ort; mit wenigem, schnell zusammengerafftem Gut; ohne Richtungsplan; bedroht und bestohlen von Soldaten und in stetiger Angst und Sorge. Man erkennt, dass es sich um eine Flucht vor Polen, Tschechen und Russen aus Schlesien zum Ende des Zweiten Weltkrieges handelt. Fotos einer verlorenen Familienidylle, Einflüsterungen von Schreckensgeschichten der Flucht, eingestickte Erzählungsschleifen werden projiziert, also hinein geworfen in die empfängliche Schale aus leeren Fotorahmen. Familiengeschichte - so kann man die Installation deuten - wird in und auf ein nachgeborenes Kind projiziert. Eine Geschichte, die in Deutschland viele erzählt bekamen: der Verlust der Heimat im Osten, der Horror der Flucht, die Trauer über das verloren und in der Erinnerung so glücklich erscheinende Familienleben.

Mit dieser komplexen und doch präzise geformten Installation über die frühen Prägungen kindlicher Erinnerung beginnt die Ausstellung einerseits mit der Familiengeschichte der Großmutter und Mutter der Künstlerin und andererseits darüber hinausweisend mit einer Thematisierung der Erzählungskonstruktionen der deutschen Ostflüchtlinge. Sie rekonstruiert und befragt, wie die Geschichten der Flucht und die Bilder der verlorenen Heimat die im Westen geborenen Kinder beeinflusst, beeindruckt und geprägt haben. Die erlebte Geschichte einer Generation wird als wirkmächtiger Erzähl- und Bilderstrom auf die nachfolgende Generation gerichtet. Die Projektionen der Vergangenheit auf das nachgeborene Kind konstruieren in ihm eine Erinnerung, die doch gar nicht die eigene ist.

Die zweite Hauptinstallation der Ausstellung entwickelt diese Geschichte der prägenden Herkunftserzählung über den Verlust der Ostheimat weiter: nun allerdings öffnet sich die Perspektive nach Westen: zu einer Imagination der USA. In einen hängenden Kasten kann man von unten den Kopf hinein stecken und befindet sich dann plötzlich in einem Modell des Jugendzimmers der Künstlerin. Statt der mütterlichen Erzählungen entfachen nun die Geschichten des Vaters, die er über eine erste Reise in die USA 1963 mitbringt, die Vorstellungskraft des älteren Kindes. Die Wände des Zimmers dienen als Projektionsflächen für Fantasien über das Wunderland Amerika und seinen jugendlichen Heldenpräsidenten John F. Kennedy. Erschien eben noch das Kind als Objekt der mütterlichen Einflüsterungen über die Vergangenheit im Osten, bricht es an der Schwelle zur Jugend nun auf in eine selbstgestaltete Projektion eines fantastischen Westens und damit auch der eigenen Zukunft. Doch auch das Bild der USA ist schreckensvoll gebrochen: am Tag der Rückkehr des Vaters von der Amerikareise wird Kennedy erschossen - darauf verweist eine vergrößerte Nachzeichnung des Titels des Osnabrücker Tagesblattes vom 23.11. 1963 mit Berichten zum Attentat in Dallas.

Was hier subjektiv biografisch aufgegriffen wird, thematisiert doch auch eine zentrale Projektionsgeschichte der Bundesrepublik: der Rückblick auf die Vertreibung aus dem Osten, die nicht ohne die Schuld des Nationalsozialismus thematisiert werden kann und der Zukunftsblick von dort nach Westen, auf die Verheißungen des amerikanischen Traums, der doch auch wieder nicht ohne seine Schattenseiten von Mord, Rassismus und Krieg idealisiert werden kann.

Zwischen der mütterlichen Osterzählung und der väterlichen Westgeschichte scheint möglicherweise das dritte zentrale Element der Installation einen Ausweg aus den Projektionen der älteren Generation und der deutschen Kollektivgeschichte zu suchen: am Fenster auf halbtransparentem Papier findet sich ein Block von grafisch anmutenden schwarz-weiß-Fotografien amerikanischer Popstars der späten sechziger Jahre. Beim näheren Hinsehen erkennt man, dass sie aus den verschiedensten übereinandergelegten Fotografien der Popikonen bestehen und jeweils ein changierendes Bild der Idole (so der Titel der Arbeit) zwischen Wiedererkennung und geisterhafter Verfremdung erzeugen. Als hätte ein tausendfacher Blick auf ihre Gesichter in Magazinen, Fernsehen, Filmen und Plattencovern sich in Schichten überlagert und immer wieder durchdrungen. Die Projektionen der Teenagerin weisen hinaus aus den engen Erinnerungsräumen der Eltern in die Fantasien einer eigenen Zukunft.

Individuelle Biografie und bundesdeutsche Kollektivgeschichte durchdringen und verbinden sich in der Ausstellung zu einem vielschichtigen Gesamtbild. So sehr die Ausstellung deutsche Geschichte(n) des zwanzigsten Jahrhunderts aufgreift, so sehr thematisiert sie auch Grundphänomene der Erinnerung. So ließe sich erklären, dass ein Zitat aus den Bekenntnissen des Augustinus aus dem vierten Jahrhundert n. Chr. eine Zusammenfassung für die Arbeiten von Gabriele Undine Meyer anbietet: „Dort [im Gedächtnis] ist alles, dessen ich mich erinnere, gleichviel, ob ich's selbst erfuhr oder von andern glaubte. Aus demselben Schatze entnehme ich bald diese, bald jene Vorstellungen der Dinge, welche ich entweder selbst kennengelernt oder nach Analogie der mir bekannten andern geglaubt, und verwebe sie mit Vergangenem; und danach überlege ich, was in der Zukunft getan, gehofft werden und sich begeben kann, ich überlege dies, als wäre alles gegenwärtig.“

Homepage von Gabriele Undine Meyer



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