ZiF-Forschungsgruppe

'Felix Culpa'?

Zur kulturellen Produktivität der Schuld

Oktober 2018 - Juli 2019

Leitung: Matthias Buschmeier (Bielefeld, GER), Katharina von Kellenbach (St. Mary's City, USA)
Felix Culpa

In den letzten Jahrzehnten hat sich die Tendenz entwickelt, bei aktuellen gesellschaftlichen Problemen wie Fragen der ökonomischen Ausbeutung oder des Umweltschutzes vor allem an unser Schuldgefühl als Verbraucher zu appellieren. Neben der politischen Instrumentalisierung werden Schuld und Scham aber auch mit Blick auf die Kulturgeschichte als Kräfte entdeckt, die zum Beispiel das Triebwerk moralischer Revolutionen darstellen. Dass politische Diskurse zunehmend als Schulddiskurse geführt werden, hat überdies Kritik an den destruktiven Folgen der Wiederkehr von Kollektivschuldauffassungen hervorgerufen. Entgegen derzeitiger Forschungsansätze liegt der Schwerpunkt der Forschungsgruppe nicht auf den belastenden und destruktiven Auswirkungen der Schuld, von denen sich Individuen wie Gesellschaften befreien oder entlasten wollen. Die Forschungsgruppe geht vielmehr der Frage nach, inwiefern Schuld als produktive Kraft in kulturellen Legitimations- und Transformationsprozessen bedeutsam ist.

Der Begriff der 'Produktivität' soll hier nicht nur im ökonomischen Sinne verstanden werden. Er verweist vielmehr darauf, was aus Schuld alles entstehen kann. Zum dynamischen Schuldprozess gehört nicht ausschließlich ein passives Erleiden von Schuldzuschreibungen, sondern auch Schuldabwehr, Schulderlösung, Schulderlass und Schuldtilgung: also aktive Schuldaushandlungen, kommunikative Prozesse der Entschuldigung und des Abarbeitens von Schuld. Die Konzentration auf das Einengende und Niederdrückende von Schuldgefühlen übersieht, dass der Schuld auch in vielen mythischen Erzählungen vom Ursprung der Kultur eine legitimierende und produktiv-dynamisierende Rolle zukommt. Es scheint geradezu ein Charakteristikum zu sein, dass Kulturen aus der Spannung von Schuldzuschreibung, Schuldabwehr und -entlastung und deren narrativer Iteration ihre innere Dynamik und kosmologische Kohärenz gewinnen. Mithin eröffnet ein reflektiertes Schuldbewusstsein einer Kultur die Möglichkeit, zentrale ethische Wertmaßstäbe auszubilden, die soziales Zusammenleben entscheidend gestalten helfen.

Die Studien der Forschungsgruppe beabsichtigen, Schuld als eine in vielerlei Hinsicht wirkungsvolle Größe in der Entwicklung und Transformation von Kultur zu untersuchen, die auch für die Ausbildung kultureller Zusammengehörigkeit eine wichtige Rolle spielt. Ins Zentrum rücken besonders die kulturellen Diskurse und symbolischen Repräsentationen von Schuld. Die Gruppe nimmt zwei grundlegende Paradigmenwechsel in der Betrachtung kultureller und sozialer Konstellationen vor:

  1. Theorien zur Dynamik von Kultur haben seit jeher die Gewalt ins Zentrum ihrer Überlegungen gestellt. So zentral das Thema der Gewalt für kulturelle Legitimationszusammenhänge auch zweifellos ist (Hobbes), so verstellt die Fokussierung auf dieses Thema doch den Blick auf jene ambivalenten Dynamiken, die konkrete Praktiken des Umgangs mit der Schuld als zentrale Kohäsionskräfte für Gesellschaften und Kulturen freisetzen. Die generative Kraft von Schuldzusammenhängen, moralische Revolutionen auszulösen und neue Welten zu erschaffen, wird dabei übersehen. Die Forschungsgruppe wechselt daher die Perspektive von der Gewalt- zur Schuldfrage und untersucht die produktiven Energien der kulturellen Diskurse und symbolischen Repräsentationen.

  2. Zwar wird auch in vielen geisteswissenschaftlichen Diskursen die Relevanz von Schuld thematisiert; im Gefolge einer unter-komplexen Rezeption Nietzsches und einer reduktiv-soziologistischen Auffassung von Schuld als Internalisierung sozialer Zwänge liegt der Schwerpunkt jedoch weiter auf ihren belastenden und destruktiven Auswirkungen, von denen sich Individuen wie Gesellschaften befreien oder entlasten wollen. Lösen sich Schuldverhältnisse zu rasch auf oder werden ganz abgewiesen, so lösen sich die Möglichkeiten einer neuen Anerkennung von Gruppen und Individuen ebenso auf, ohne dass die in ihr liegenden Potentiale weiter ausgelotet werden.

Eine solche Neufokussierung verlangt danach, die kulturell und disziplinär unterschiedlichen Schuldkonzepte miteinander ins Gespräch zu bringen; die eingeladenen Fellows bringen dazu ihre Forschungsansätze aus der Traumapsychologie, der postkolonialen Sozialtheorie und Anthropologie, der Kulturtheorie, der narrativen Symbolik und der Sprachphilosophie, der Literaturwissenschaft, Theologie, Rechtstheorie und der praktischen Philosophie mit. Die Forschungsgruppe wird nicht nur eine multidisziplinäre Perspektive verfolgen, sondern die oft genuin europäisch-jüdisch-christliche Schuldtradition mit Praxen anderer Religionen (Islam / Hinduismus / indigene Religionen) sowie mit dem Umgang in nicht-europäischen Settings (Indonesien/ Indien/ Mozambique) vergleichen. Sie geht von der Frage aus, ob sich ein universales Schuldkonzept im Sinne einer fixen Menge von Elementen definieren lässt oder ob das Verständnis von Schuld in den verschiedenen kulturellen Kontexten nur Familienähnlichkeiten (Wittgenstein) zwischen Elementen aufweist, die nicht in allen Kontexten gleichermaßen relevant sind. Zudem stellt sich die Frage, wie sich Schuld im Sinne einer sozialen und rechtlichen Praxis zu Schuld im Sinne eines subjektiven Gefühls verhält, und in welcher Beziehung Schuld zu Scham, Reue, Bedauern und anderen verwandten Phänomenen steht.

Bereits im März 2017 haben Dr. Matthias Buschmeier und Prof. Dr. Katharina von Kellenbach eine Arbeitsgemeinschaft am ZiF initiiert, die sich mit der Frage nach der kulturellen Produktivität der Schuld beschäftigte. Unter ihrer Leitung wird nun die zehnmonatige Forschungsgruppe ab Oktober 2018 im ZiF ihre Arbeit aufnehmen und sich mit diesem Themenkomplex in interdisziplinärer Perspektive intensiv auseinandersetzen. An der Forschungsgruppe sind hochrangige internationale Wissenschaftler aus der Philosophie, der Literatur- und Religionswissenschaft, der Anthropologie, Internationale Beziehungen, der Klassischen Philologie, der Mediävistik und der Psychologie beteiligt. Die Fellows kommen von renommierten Universitäten aus dem In- und Ausland: Princeton, Dartmouth, Rutgers, der UC Santa Barbara, der University of Southern Queensland, der Wake Forest University, der Humboldt-Universität Berlin, der Ruhr-Universität Bochum, der Goethe-Universität Frankfurt, der Universität Hannover und aus Bielefeld.

Den Auftakt des Präsenzjahres der Fellows im ZiF bildet eine große Eröffnungstagung vom 29. bis 31. Oktober 2018, die sich dem Begriff der produktiven Schuld zuwenden und theoretische Zugänge zu ihm entfalten wird.

Bei weiteren Fragen und für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an Dr. Saskia Fischer, Koordinatorin der Forschungsgruppe Felix Culpa.



E-Mail: productiveguilt@uni-bielefeld.de
Tel. +49 521 106-12836