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Bielefeld Graduate School
in History and Sociology
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Christian Möller


Umweltpolitik in der DDR. Umweltverschmutzung, Problemwahrnehmung und umweltorientiertes Handeln im Sozialismus (1967-1990)

Auf den ersten Blick scheint Umweltschutz in der DDR eine marginale Rolle gespielt zu haben: Mit der Wiedervereinigung offenbarten sich auch die großen ökologischen Probleme, die bereits in den 1980er Jahren mehr und mehr publik wurden. Die Umweltverschmutzungen durch die Schwer- und Chemieindustrie, den Braunkohletagebau sowie andere Industriezweige bescheinigten den Verantwortlichen auf allen Ebenen scheinbar umweltpolitisches Fehlverhalten. Ein Blick zurück in die 1960er und frühen 1970er Jahre vermittelt ein ganz anderes Bild: Die Verankerung des Naturschutzgedankens in der Verfassung von 1968, das zwei Jahre darauf verabschiedete Landeskulturgesetz sowie die Gründung des Ministeriums für Umweltschutz und Wasserwirtschaft im Jahr 1972 weisen auf ein großes gesellschaftliches und auch politisches Interesse am Natur- und Umweltschutz hin.

Wie ist dieser Widerspruch zu erklären? In meinem Promotionsprojekt untersuche ich die Wechselbeziehungen zwischen materieller Umweltbelastung, gesellschaftlicher Umweltwahrnehmung und umweltorientiertem Handeln in der DDR. In Anlehnung an neuere Forderungen aus der Umweltgeschichte sollen die Transformation, Stabilität und Krise des gesellschaftlichen Verständnisses des "Kollektivsingulars Umwelt" im Zentrum der Untersuchung stehen. "Staat" und "Bevölkerung" verstehe ich nicht als homogene Akteure, die hinter dem Engagement kirchlicher und unabhängiger Umweltgruppen in den 1980er Jahren verschwinden, sondern als heterogene und prägende Kräfte der ostdeutschen Umweltbewegungsgeschichte. Wie funktionierte umweltorientiertes Handeln unter den Bedingungen des sozialistischen Herrschafts- und Gesellschaftssystems? Welche Handlungspraktiken und Verhaltensstile wählten die Akteure zur Gestaltung und Umsetzung umweltpolitischer Ziele und Interessen? Und: Welchen Einfluss hatten Umweltverschmutzung und umweltorientiertes Handeln auf das Gesellschaftssystem?

Ziel ist es zu zeigen, dass eine Geschichte der ostdeutschen Umweltbewegung(en) und ihrer Politiken neue Perspektiven auf umwelthistorische Periodisierungsfragen, die Umweltbewegungsgeschichte und letztlich auch die Gesellschaftsgeschichte der DDR eröffnet. Um nicht der Gefahr zu erliegen, ausschließlich eine Geschichte marxistischer Umwelttheorie oder der SED-Parteitags- und Politbürobeschlüsse zu verfolgen, möchte ich die mittlere und untere Ebene in den Blick nehmen: Wichtige Akteure in meiner Untersuchung sind das Umweltministerium sowie die Mitarbeiter der Fachabteilungen für Umweltschutz auf den Bezirksebenen. Die Wahrnehmung und das Handeln der Bevölkerung erfasse ich, eingebettet in die bereits vorhandene Forschung zu kirchlichen und unabhängigen Umweltgruppen, durch die Auswertung umweltorientierter Eingaben, die im Umweltministerium gebündelt wurden. An Hand ausgewählter regionaler bzw. kommunaler Fallbeispiele möchte ich Analyse der ökologischen Transformationsprozesse und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um die "Umwelt" veranschaulichen.

Betreuer:
Prof. Dr. Joachim Radkau
PD Dr. Frank Uekötter

Vita

Seit 04/2011
Doktorand an der Bielefeld Graduate School in History and Sociology (BGHS)
09/2006-02/2012
Verschiedene Tätigkeiten als studentische und wissenschaftliche Hilfskraft (u. a. von 2006 bis 2009 für Prof. Joachim Radkau), Tutor sowie freiberuflicher Historiker (Unternehmensgeschichte und historische Recherchen für Unternehmen).
10/2010-04/2011
Studiengang Freie Promotion an der Universität Bielefeld
10/2007-09/2010
Fachwissenschaftliches Masterstudium Geschichtswissenschaft an der Universität Bielefeld. Masterarbeit: Abfallpolitik und Entsorgungstechnik im "ökologischen Zeitalter"
10/2003-09/2007
Fachwissenschaftliches Bachelorstudium Geschichtswissenschaft und Sozialwissenschaften an der Universität Bielefeld. Bachelorarbeit: Die deutschen Bundespräsidenten im Umweltdiskurs

Stipendien und Auszeichnung

Seit 10/2011
Promotionsstipendium der Johannes-Rau-Gesellschaft e. V.
11/2010
Gustav-Engel-Preis des Historischen Vereins für die Grafschaft Ravensberg für die Masterarbeit
03/2010-08/2010
Qualifizierungsstipendium der BGHS

Tagungsorganisation

08/2013
Ökologien der Transformation. Neue Wege der Umwelt- und Gesellschaftsgeschichte, 01.-03.08.2013, IBZ Bielefeld

Vorträge (Auswahl)

  • 9.07.2013 "Der Traum vom ewigen Kreislauf? Abprodukte, Sekundärrohstoffe und Stoffkreisläufe im 'Abfall-Regime' der DDR" (Gemeinsames Kolloquium des Lehrstuhls für Technikgeschichte und des technikhistorischen Teilprojektes im SFB 804 "Transzendenz und Gemeinsinn" der TU Dresden)
  • 28.09.2012 "Abfallwirtschaft in der DDR. Sozialistische Verwertungskonzepte und Entsorgungspraxis zwischen Ökonomie und Ökologie" (Sektion "Zwischen Knappheit und Überfluss: Abfall als Problem und Ressource in der Geschichte", 49. Deutscher Historikertag 2012 "Ressourcen und Konflikte", 25.-28.08.2012, Mainz)
  • 02.03.2012 "Umweltbewegung ohne Bewegung? Problemwahrnehmung und umweltorientiertes Handeln in Eingaben an das Umweltministerium der DDR" (Workshop "In Bewegung. Neue Geschichten der Umweltbewegung", 01.-03.03.2012, Rachel Carson Center München)
  • 20.11.2010 "Abfallpolitik und Entsorgungstechnik im ökologischen Zeitalter -Das Beispiel Bielefeld" (Vortrag anlässlich der Gustav-Engel-Preisverleihung im Neuen Rathaus Bielefeld)

Publikationen:

  • Der Traum vom ewigen Kreislauf? Abprodukte, Sekundärrohstoffe und Stoffkreisläufe im "Abfall-Regime" der DDR (1945-1990). (im Druck)
  • Die gebaute Stadt. Infrastrukturen und Stadtplanung in Bielefeld, in: Jürgen Büschenfeld, Bärbel Sunderbrink, Bielefeld und die Welt. Prägungen und Impulse, Bielefeld 2014. (im Druck)
  • Abfallpolitik zwischen Ökonomie und Ökologie. Die lange Suche nach Entsorgungswegen in Bielefeld (1957-1995), in: Jahresbericht des historischen Vereins für die Grafschaft Ravensberg 97 (2012), 129-162.
  • "Blumen und Früchte für dich" -Die Geschichte des genossenschaftlichen Obst- und Gemüsebaus in Bielefeld (1920-1980), in: Jahresbericht des historischen Vereins für die Grafschaft Ravensberg, 96 (2011), S. 129-154.
  • Das Fahrrad in der Arbeiterkultur, in: Bollschweiler, Michael, u.a., Rückenwind. Ein Streifzug durch die Fahrradgeschichte, Bielefeld 2011, S. 112-119.
  • Abfallpolitik und Entsorgungstechnik im "ökologischen Zeitalter". Die Geschichte der geplanten Mülldeponie Herford-Laar (1979-1995), in: Historisches Jahrbuch für den Kreis Herford, 18 (2011), S. 23-49.

Rezensionen:

  • Steinsiek, Peter-Michael; Laufer, Johannes: Quellen zur Umweltgeschichte in Niedersachsen (18.?20. Jahrhundert). Ein thematischer Wegweiser durch die Bestände des Niedersächsischen Landesarchivs. Göttingen 2012, in: H-Soz-u-Kult, 18.12.2013, http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-4-220 .
  • Stippak, Marcus: Beharrliche Provisorien. Städtische Wasserversorgung und Abwasserentsorgung in Darmstadt und Dessau 1869?1989 (Cottbuser Studien zur Geschichte von Technik, Arbeit und Umwelt 36). Waxmann, Münster u.a.O. 2010, 491 S., EUR 39,90., in: Technikgeschichte 80 (2013), H. 2, S. 192-194.
  • Rezension zu: Lukaßen, Dirk, Grüne Koalitionen. Naturkonzepte und Naturschutzpraxis in der Weimarer Republik (Ortstermine. Historische Funde und Befunde aus der deutschen Provinz 25). 253 S.; Rheinlandia Verlag K. Walterscheid; Siegburg; 2010; 20,- Euro, in: Das historisch-politische Buch, 6 (2010), S. 656 f



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