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Bielefeld Graduate School
in History and Sociology
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Katharina Hoß


Persönlichkeitsentwürfe und Individualität in spätmittelalterlichen Selbstzeugnissen. Eine Studie am Beispiel des Journal von Philippe de Vigneulles

In meinem Promotionsprojekt untersuche ich Persönlichkeitsentwürfe und spezifische Formen von Individualität in spätmittelalterlichen Selbstzeugnissen. Beispielhaft für solche Selbstzeugnisse wird das Journal des Philippe de Vigneulles analysiert. Der Autor, ein Metzer Bürger des 15./16. Jahrhunderts, war Tuchhändler und Strumpfmacher, betätigte sich aber auch als Schriftsteller. Zu seinen Werken gehören neben einer mehrbändigen Chronik von Metz, einer Novellensammlung und religiösen Gedichten auch das bereits erwähnte Journal. In diesem berichtet er über Ereignisse seines Lebens, aber auch über viele andere Gegebenheiten und Vorkommnisse. Dabei wird sowohl über Ereignisse in Metz und direkter Umgebung, als auch über solche aus ganz Europa berichtet. Das Journal ist eine hervorragende Quelle und zudem unter den Aspekten Selbstbeschreibung und Individualität noch nicht untersucht. Um eine Einordnung zu ermöglichen, werden die Forschungsergebnisse mit anderen Selbstzeugnissen aus einem ähnlichen Zeitraum und der dazugehörigen Forschungsliteratur abgeglichen, und so Typisches und Besonderes herausgestellt.

Der Fokus der Untersuchung liegt auf der Art und Weise, wie spätmittelalterliche Autoren sich in und durch ihre Werke entwerfen und darstellen. Welche Aspekte ihrer Persönlichkeit werden in den Vordergrund gestellt, wie wird darüber Individualität konstruiert und inwiefern hängt dies mit den verschiedenen sozialen Rollen zusammen, die die Protagonisten im Laufe ihres Lebens inne haben? In theoretischer Hinsicht stützt sich das Projekt vor allem auf Arbeiten von Simmel und Luhmann zu Individualität. Das hier verwendete Individualitätskonzept geht, anstelle einer teleologischen Entwicklung hin zu Individualität, von einer qualitativen Veränderung von Individualität im Laufe der Zeit aus. Sehr verkürzt sind diese Individualitätsformen (vormoderne und moderne Individualität) durch unterschiedliche Formen der Teilhabe an Subsystemen der Gesellschaft gekennzeichnet. Eng mit der Teilhabe an diesen Subsystemen der Gesellschaft verbunden ist die Frage nach den verschiedenen sozialen Rollen, die ein Individuum inne hat und über die es sich beschreiben kann. Allgemein geht die Forschung für vormoderne Gesellschaften von einer, alle anderen dominierenden, sozialen Rolle aus, während ein Individuum in der modernen Gesellschaft verschiedenste, vollkommen voneinander unabhängige soziale Rollen haben kann, die je nach Handlungskontext wechseln. Meine These ist, dass sich im Spätmittelalter, am Übergang zur Frühen Neuzeit, ein Zwischenmodell zwischen vormoderner und moderner Individualität und ebenfalls ein Zwischenmodell eines vormodernen und modernen Verständnisses sozialer Rollen entwickelte, was beispielhaft am Journal nachvollzogen werden soll.

Neben den Aspekten 'Individualität und soziale Rollen' wird auch systematisch auf die verschiedenen Selbstdarstellungstechniken, die zur Konturierung der eigenen Person genutzt werden, eingegangen. Abgerundet wird die Analyse verschiedener Bereiche, über die in spätmittelalterlichen Selbstzeugnissen Persönlichkeit konstruiert werden konnte, schließlich durch eine Untersuchung des Zusammenspiels von autobiographischen Passagen und solchen, in denen über Ereignisse berichtet wird, die den Autor nicht direkt betreffen. Denn auch diese scheinbar für die Untersuchung eines Selbstzeugnisses weniger wichtigen Textpassagen geben Aufschluss über die jeweilige Lebenswelt des Autors.




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