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Bielefeld Graduate School
in History and Sociology
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Marcus Carrier


Methodenwahl in der forensischen Chemie bzw. Toxikologie in den deutschen Staaten und Frankreich des 19. Jahrhunderts im Vergleich

Mein Dissertationsprojekt beschäftigt sich mit den übergeordneten Fragen, wie moderne Gesellschaften mit wissenschaftlicher Expertise umgehen und welche Rückwirkungen dieser Umgang auf die Wissenschaften selbst hat. Hierfür soll die Entwicklung von Qualitätsansprüchen an die Wahl von toxikologischen Methoden vor Gericht in den deutschen Staaten und Frankreich des 19. Jahrhunderts vergleichend untersucht werden. Es wird davon ausgegangen, dass sich diese Ansprüche in Aushandlungsprozessen zwischen Naturwissenschaftlern und Juristen herausbildeten, die aus der Perspektive der Historischen Wissenschaftsforschung analysiert werden sollen. Dabei soll auf sozial- und rechtshistorische Ergebnisse sowie auf wissenschaftsphilosophische Konzepte zurückgegriffen werden.

Das 19. Jahrhundert zeichnet sich aus wissenschaftshistorischer Sicht insbesondere durch eine zunehmende Professionalisierung der Naturwissenschaften aus. Dies ging einher mit von Frankreich ausgehenden tiefgreifenden Rechtsreformen, die letztlich im Verfahren des modernen Strafprozesses mündeten. Im Gegensatz zum vorher verbreiteten Inquisitionsprozess, der unter anderem auf strikt festgelegten Beweisregeln aufbaute, galt (und gilt) im modernen Strafprozess das so genannte Prinzip der freien Beweiswürdigung, nach der Richter und Geschworene selbst abwägen konnten, welches Gewicht sie den einzelnen Beweismitteln und damit auch der Expertenaussage zumaßen. Das hier untersuchte Phänomen der Expertenaussage vor Gericht konnte so eine neue Qualität erlangen: die Beweiskraft derselben hing nicht mehr von strikten Rechtsnormen, sondern auch von der Performanz und der Überzeugungskraft der Experten ab. Vor diesem Hintergrund, so die Ausgangsthese dieser Arbeit, bildeten sich über diskursive Aushandlungsprozesse zwischen Juristen und Naturwissenschaftlern spezifische Standards heraus, nach denen die Aussagen beurteilt wurden.

Die Leitfrage des Projektes lautet entsprechend, welche methodischen Ansprüche sich unter diesen Bedingungen für die Toxikologie im Besonderen herausbildeten und welchen Einfluss die einzelnen Rechts- bzw. Wissenschaftssysteme auf diese Ansprüche ausübten. Dabei greife ich konzeptuell auf das wissenschaftsphilosophische Konzept der ?epistemischen Werte? zurück. Gleichzeitig soll auch gefragt werden, ob und inwiefern ein solcher vor Gericht ausgehandelter Katalog von methodischen Ansprüchen auf die Disziplin der analytischen Chemie bzw. auf die Ausbildung zum Apotheker oder analytischen Chemiker zurückwirkte. Forensische Chemie bzw. Toxikologie formiert sich in dieser Zeit als neue Unterdisziplin der analytischen Chemie und diese Disziplinbildung hing eng mit dem Anwendungskontext der forensischen Chemie zusammen. Forensische Chemie ist in diesem Sinne die Anpassung der analytischen Chemie an den spezifischen juristischen Anwendungskontext und genau diese Disziplinbildung auch soll über die oben beschriebenen Rückwirkungen analysiert werden.

Der Vergleich zwischen Deutschland und Frankreich soll zum besseren Verständnis der spezifischen Aushandlungsprozesse und der Abhängigkeiten zwischen den an die Methodenwahl angelegten Werten und den Eigenheiten des modernen Strafprozesses beitragen. In den meisten deutschen Einzelstaaten wurde (mit Ausnahme der linksrheinischen Gebiete) der Strafprozess um die Zeit der Revolution von 1848/49 reformiert und im Grundsatz das französische System eingeführt. Die Rechtssysteme näherten sich also ab der Mitte des Jahrhunderts einander zusehends an. Dem stehen sich auseinanderentwickelnde Wissenschaftssystem gegenüber. Dies gilt für die Chemie erstens auf inhaltlicher Ebene: die sich in Deutschland zunehmend durchsetzende Strukturchemie wurde von französischen Chemikern lange abgelehnt. Zweitens gilt die Auseinanderentwicklung auch auf institutioneller Ebene für die Wissenschaft insgesamt: während sich in Frankreich, insbesondere während des Second Empire, die Zentralisierung verstärkte, zeichnete sich das deutsche System durch Dezentralisierung aus. Der Vergleich über das 19. Jahrhundert hinweg kann also diese sich verändernden Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen Rechts- und Wissenschaftssystemen berücksichtigen und so ihre spezifischen Auswirkungen auf die Bedingungen wissenschaftlicher Expertise vor Gericht ausloten.

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