Andrea Hense

Wahrnehmung von Ungleichheit im Zeitverlauf: Ursachen subjektiver Erwerbsunsicherheit und Prekarität

Während sehr viel Forschung zur Entwicklung einzelner atypischer Arbeitsverhältnisse und ihrer Konsequenzen für aktuelle und zukünftige Möglichkeiten der Lebensgestaltung durchgeführt wurde, blieb die subjektive Wahrnehmung der objektiven Veränderungen am Arbeitsmarkt weitestgehend unberücksichtigt. Internationale Arbeiten zeigen jedoch, dass die Prekaritätswahrnehmung zahlreiche Auswirkungen auf verschiedene Lebensbereiche hat, so z.B. die individuelle Gesundheit der Arbeitnehmer oder die Einstellung zur Arbeit bzw. zum Betrieb. Somit ist sie für das Individuum, die Familien, den Arbeitgeber und die Gesamtgesellschaft sozial folgenreich. Dennoch ist relativ wenig über die Ursachen dieser subjektiven Beurteilung der eigenen Lage am Arbeitsmarkt bekannt. Entsprechend stellen sich zwei zentrale Fragenkomplexe:

  1. Wie entwickeln sich die selbst wahrgenommene Einkommens- und Beschäftigungsprekarität? Kommt es neben dem Wandel der objektiven Chancenstruktur auch zu einer Veränderung der subjektiven Interpretation derselben?
  2. Welche Ursachen können für die Prekaritätswahrnehmung identifiziert werden? Gibt es eine Entsprechung zwischen objektiven und subjektiven Aspekten sozialer Ungleichheit? Welche Relevanz kommt den atypischen Arbeitsverhältnissen zu? Werden soziale Ungleichheiten verstärkt, erzeugt oder verringert?
Bisherige Studien sind nicht in der Lage, die Entwicklung seit Beginn verstärkter Flexibilisierungsbestrebungen ab Mitte der 1980er Jahre in Deutschland anhand von Paneldaten nachzuvollziehen und mit quantitativen Daten kausal zu erklären. Die vorliegende Studie schließt an internationale Forschungen an, welche bisher vornehmlich von Psychologen und Ökonomen betrieben wurden, und erweitert diese in methodischer Hinsicht durch die Analyse von Längsschnitt- und Massendaten. Unter inhaltlichen Gesichtspunkten führt die Verortung der Arbeitnehmer in verschiedenen Lebenskontexten sowie im eigenen Lebenslauf zur Überprüfung neuer Hypothesen. Basierend auf Bourdieus praxeologischem Ansatz wird die Prekaritätswahrnehmung als Ergebnis eines subjektiven Bewertungsprozesses von zukünftigen Ereignissen (Risiko des Job- und Einkommensverlustes und der entsprechenden Konsequenzen) untersucht. Die Beurteilung erfolgt unter den gegebenen Erwerbs- und Lebensbedingungen entsprechend individueller Präferenzen und Erfahrungen. Die Analysen werden mit den Daten des sozio-ökonomischen Panels für den Zeitraum von 1985 bis 2009 durchgeführt.


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