Bettina Mahlert

Soziale Ungleichheit in der Weltgesellschaft. Zur globalen Relevanz des klassentheoretischen Vokabulars

Obwohl "Globalisierung" sich nun schon seit einigen Jahren einen festen Platz im Themenkatalog der Soziologie erobert hat und heute kaum ein Soziologe die Existenz eines globalen Sozialsystems bestreiten würde, kann man nicht ohne weiteres davon ausgehen, dass sich dieser Tatbestand im Vokabular der soziologischen Grundbegriffe reflektiert. Viele dieser Begriffe, darunter gerade auch der Gesellschaftsbegriff, sind in der soziologischen Tradition in enger Bindung an den Nationalstaat entwickelt worden, so dass nicht ohne weiteres ersichtlich ist, wie sie sich in den Rahmen einer Theorie der Weltgesellschaft oder eines "global systems" einfügen würden.

Angesichts dessen könnte man mit Hinblick auf die Unterscheidung global/national vermutlich zwischen drei Gruppen von Grundbegriffen unterscheiden: Zu einer ersten Gruppe gehören globalisierungsresistente Begriffe wie Nationalstaat oder Ethnie. Als Gegenstück dazu findet man Begriffe für Universalismen wie Weltreligion oder Weltwissenschaft sowie andere ebenfalls offensichtlich globalisierungsgünstige Begriffe wie Netzwerk. Eine ganze Reihe von Begriffen schließlich entziehen sich einer eindeutigen Zuordnung. Sie werden je nach Theorie ganz unterschiedlich behandelt - so stellt Parsons´ Auffassung, dass der Wertbegriff globalisierbar sei, in der Soziologie eine Randposition dar - ; und sie werden möglicherweise nach Maßgabe dieser Unterscheidung gespalten - so können Rollen nach Gouldner "local" oder "cosmopolitan" sein.

In diese dritte ambivalente Gruppe gehört auch der Begriff der Schicht oder Klasse. Je nach theoriespezifischen Vorgaben kann der Nationalstaat Klassenspaltungen ausbilden oder können umgekehrt Klassenspaltungen nationalstaatliche Grenzen transzendieren. Die Dissertation überprüft diese Alternative an einer Reihe ausgewählter Schicht- und Klassenbegriffe, um auf diese Weise zur Klärung der Frage beizutragen, was mit dem Schichtungsbegriff geschieht, wenn man ihn in einen weltgesellschaftstheoretischen Kontext stellt. Um das an einigen Beispielen zu illustrieren:

Mit seiner Abstraktion von Statusübertragung nach Maßgabe von Zugehörigkeit zu Familien bietet Marx schon sehr früh einen modernen Schichtungsbegriff. Bemerkenswerterweise kennzeichnet gerade diesen Begriff von Anbeginn eine Spaltung nach national/global. Anfangs erwartete man, daß die "Internationale" das "Menschenrecht erkämpft". Aber am Ende mußte man den Sozialismus "in einem Land", in einer Region, in einem transregionalen und transnationalen Block ausrufen: Kuba ist gleichzeitig Anrainer der USA und kommunistisch, Entsprechendes gilt für die DDR als Nachbar der BRD.

Ein anderes Beispiel für die Reflexion dieser Differenz ist der Elitenbegriff. Er bezeichnet zunächst nur die Spitzenfunktionäre der verschiedenen Funktionssysteme - mit diesem oder jenem Nationalstaat als Anschauungsmaterial und empirischer Grundlage. Daneben - und teilweise auch: dagegen - wird aber seit geraumer Zeit auch über globale Eliten verhandelt.

Neben diesen Fällen einer reflektierten Differenz im Schichtungsbegriff gibt es Fälle von Nichtreflexion. Weder der Strukturfunktionalismus, noch Parsons noch Bourdieu thematisieren in ihren Schichtbegriffen die Differenz national/global. Das heißt: Sie selbst urteilen nur über nationale Schichten und Oberschichten. Damit ist jedoch eine latente Relevanz dieser Differenz nicht ausgeschlossen. So soll gemäß der üblichen Darstellung der Bourdieuschen Theorie die Beschreibung von Frankreich als Methode auf andere Nationalstaaten anwendbar sein. Möglicherweise ist aber auch globale Distinktion denkbar. Ähnlich könnte der Strukturfunktionalismus zu der These führen, dass eine globale Konkurrenz um knappe Spezialisten globale Schichtungsstrukturen erklärt.

Diese und weitere Begriffe werden im Rahmen des Dissertationsprojektes in der angedeuteten Weise analysiert. Eine Art Hintergrundfolie bildet dabei die Frage, ob sich Schichtung als Differenzierungsform der Weltgesellschaft beschreiben lässt - so wie es Theorien globaler Ungleichheit wie beispielsweise Wallersteins Weltsystemtheorie häufig postulieren. Um sich darüber äußern zu können, wendet die Dissertation nicht an die heute zur Verfügung stehenden Theorien globaler Ungleichheit. Stattdessen orientiert sie sich in der Auswahl ihres Materials an der Differenz zwischen verschiedenen Schichtungsbegriffen. Die sehr unterschiedlichen Schichtungsbegriffe der Soziologie variieren hinsichtlich der Ansprüche, die sie an den von ihnen beschriebenen Sachverhalt stellen. Während manche Begriffe Interaktion einbeziehen, beschränken sich andere darauf, bloße Ungleichverteilungen zu bezeichnen. Die Ausgangsvermutung der Dissertation lautet, dass Anspruchsniveau und Globalisierungspotential von Schichtungsbegriffen sich entgegengesetzt zueinander verhalten, so dass sich von globalen Schichten am ehesten in schwachen Begriffen sprechen lässt.




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