Carsten Sauer
Geschlechtsspezifische Unterschiede in der Gerechtigkeitsbewertung von Erwerbseinkommen
Studien aus der Arbeitsmarktforschung stellen regelmäßig eine unterschiedliche Entlohnung von Frauen und Männern am Arbeitsmarkt fest. Diese Lohndifferenz wird unter anderem auf Unterschiede in der Humankapitalausstattung, horizontale und vertikale Segregation oder Unterschiede in der Arbeitsleistung und häusliche Belastung zurückgeführt. Allerdings besteht auch unter Berücksichtigung dieser Faktoren eine unaufgeklärte Einkommenslücke für ähnlich qualifizierte Frauen und Männer.
Wenn Frauen mit gleichen Qualifikationen und Berufen im Vergleich zu Männern weniger verdienen, so kann man vermuten, dass sie ihre Erwerbseinkommen häufiger als ungerecht bewerten. Studien zur Gerechtigkeit von Monatslöhnen zeigen aber das genaue Gegenteil: Frauen bewerten im Vergleich zu Männern ihr eigenes Einkommen häufiger als gerecht.
Eine Einkommensverteilung auf Basis "gerechter Einkommen" - die Befragte selbst einschätzen - würde zu einer ähnlichen "gender pay gap" führen, wie sie aus der realen Lohnstruktur bekannt ist.
Dieser, auf den ersten Blick kontraintuitive Befund, wird durch Ergebnisse aus Studien bestätigt, in denen Befragte Erwerbseinkommen von Dritten bewerten. Auch in diesen nicht-reflexiven Gerechtigkeitseinschätzungen wird männlichen Erwerbstätigen ein höheres Einkommen zugestanden als Frauen. Zusätzlich wird aus diesen Studien deutlich, dass nicht nur (die bewertenden) Männer (den zu bewertenden) Frauen geringere Löhne zusprechen, sondern auch Frauen selbst Männern ein höheres gerechtes Einkommen zugestehen, also Personen des gleichen Geschlechts diskriminieren.Das Forschungsvorhaben beschäftigt sich genau mit diesen geschlechtsspezifischen Unterschieden der Gerechtigkeitsbewertung von Erwerbseinkommen. Zentrales Ziel ist es, die Ursachen hierfür freizulegen, indem ein theoretisches Modell entwickelt und empirisch geprüft wird, das auf Erkenntnissen der Gerechtigkeits- und Arbeitsmarktforschung aufbaut. Die Fragestellung lautet: Was sind die Ursachen für geschlechtsspezifische Unterschiede in der Gerechtigkeitsbewertung von Einkommen? Es soll für reflexive - die Bewertung des eigenen Einkommens - als auch für nicht-reflexive Urteile - die Bewertung der Einkommen Dritter - eine theoretisch fundierte Erklärung für diese "just gender pay gap" gefunden werden.

