David Kaldewey
Diesseits der Wahrheit: Praxisdiskurse in den Selbst- und Fremdbeschreibungen der Wissenschaft
Die moderne Wissenschaft weist seit ihrer Ausdifferenzierung in der frühen Neuzeit eine zweigleisige Zielsetzung auf: Einerseits erscheint sie als selbstzweckhafte Wahrheitssuche, andererseits wird vor allem die praktische Relevanz des dadurch anfallenden Wissens geschätzt. Entsprechend steht die Wahrheit der Nützlichkeit und die Theorie der Praxis gegenüber. Die doppelte Referenz ist nicht folgenlos für die Differenzierung der Wissenschaft, denn auch die Grundlagenforschung erscheint vor dem Hintergrund der hohen Wertschätzung der Praxis nicht mehr als 'reine Wissenschaft', sondern legitimiert sich als das Fundament potentieller Anwendungen und technischer Innovationen. Die beiden Ziele der Wissenschaft kondensieren in historisch variierenden Autonomiediskursen auf der einen, Praxisdiskursen auf der anderen Seite. Beide Diskurse werden in vielfältigen Selbst- und Fremdbeschreibungen der Wissenschaft aufgegriffen und strukturieren dadurch wissenschaftliche Kommunikation. Die traditionelle Wissenschaftsforschung fokussiert gemeinhin allein die Autonomiediskurse und betrachtet die Praxisdiskurse als etwas der eigentlichen Wissenschaft Äußerliches. Dagegen interessiert im vorliegenden Projekt, welche Rolle die Kommunikation über die Praxis in der ausdifferenzierten Wissenschaft spielt. Die These ist, dass auch Praxisdiskurse als wissenschaftsimmanente Strukturmomente zu begreifen sind. In dieser Perspektive erweist sich 'die Praxis' als ein kommunikatives Artefakt, als ein Bild, das die Wissenschaft intern als gesellschaftliche Umwelt konstruiert.

