Dominique Schröder
"Schreiben, um zu überleben." Das Phänomen des Tagebuchschreibens in nationalsozialistischen Konzentrationslagern. Motive - Funktionen - Sprache
Betreuer: Prof. Willibald Steinmetz
"Auf jeden Fall haben wir beschlossen, von nun an ein Tagebuch zu führen, das wir abwechselnd je eine Woche führen werden!", notieren die nach Bergen-Belsen deportierten Hans Horwitz und Arnold David Koller Anfang März 1944 in ihr Tagebuch. Dieser und ca. 50 andere - deutsche, französische, niederländische und polnische - Texte stehen im Zentrum einer vergleichende Analyse von Tagebüchern, die "jüdische" und "politische" Häftlinge in nationalsozialistischen Konzentrationslagern zwischen 1933 und 1945 geschrieben haben. Im Fokus des Erkenntnisinteresses befinden sich die sprachlichen Strategien der Diaristen sowie die Funktionen des Schreibens. Zum einen wird so die Perspektive der Opfer auf ihre alltäglichen Erfahrungen in den Blick genommen. Zum anderen kann die Bedeutung von Tagebüchern jenseits ihres Informationsgehaltes betont werden, da Tagebücher in historiographischen Arbeiten bisher überwiegend zu deskriptiven oder illustrativen Zwecken herangezogen wurden, um anderweitig ermittelte Sachverhalte zu illustrieren oder zu korrigieren. Ihr diesbezüglicher Wert ist nicht zu bestreiten, jedoch verschenkt eine Reduktion auf diese Funktionen viel vom Potential der Texte. Daher werden Tagebücher im Projekt unter einer neuen Perspektive betrachtet und als sprachliche Handlungen verstanden. Dies ermöglicht es, zusätzlich zur inhaltlichen Ebene sprachliche Markierungen zu untersuchen, wobei die Frage nach dem sprachlichen Umgang der Diaristen mit ihren Erfahrungen leitend für die Analyse ist. Nicht was die Diaristen schrieben, sondern wie und warum sie es so schrieben - und nicht anders - steht im Fokus. Die Tagebücher sind als eine spezifische Form der sprachlichen Erfahrungsverarbeitung und Sinnstiftung zu verstehen. Im Gegensatz zu retrospektiv verfassten Texten erlauben sie einen unmittelbaren zeitlichen und räumlichen Zugriff zur Beantwortung verschiedener Fragekomplexe. Durch das methodische Vorgehen kann es gelingen, bislang gängige Narrative der NS-Forschung zu modifizieren oder neue Fragestellungen anzuregen, die sich einerseits auf den Alltag in Konzentrationslagern aus der Perspektive unterschiedlicher Opfergruppen, andererseits auf die Funktionen des Tagebuchschreibens jenseits seiner Zuschreibung zur jüdischen Tradition des Zeugnisablegens beziehen.
Curriculum Vitae
- April 2008 - bis heute
- Stipendiatin der Bielefeld Graduate School in History and Sociology
- Juli 2008 - November 2008
- Barbara and Richard Rosenberg Fellow, Center for Advanced Holocaust Studies, United States Holocaust Memorial Museum, Washington D.C.
- Juli 2007 - April 2008
- Doktorandin der Bielefeld International Graduate School in History
- April 2000 - Juni 2007
- Studium der Fächer Geschichte und Deutsch, abgeschlossen mit dem Ersten Staatsexamen für die Lehrämter für die Sekundarstufe I und II am 13. Juni 2007
- Examensarbeit: "Schreiben, um zu überleben." Das Phänomen des Tagebuchschreibens in nationalsozialistischen Konzentrationslagern. Motive - Funktionen - Sprache. Gutachter Prof. Dr. W. Steinmetz und Prof. Dr. J. Radkau (nominiert für den "Preis der Fondation Auschwitz - J. Rozenberg" 2006 - 2007, Brüssel)
- November 2008
- Mitorganisatorin des "15. Workshop zur Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager", Sachsenhausen/Ravensbrück, in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Antisemitismusforschung, Technische Universität Berlin und der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten
- Juli 2007 - März 2008
- Wissenschaftliche Hilfskraft an der Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie
- April 2003 - Juni 2007
- Tätigkeiten als studentische Hilfskraft und Tutorin and den Fakultäten Geschichtswissenschaft, Philosophie und theologie sowie Linguistik und Literaturwissenschaft der Universität Bieleleld
- Juli 2006 - august 2006
- Praktikum am Simon-Dubnow-Institut für jüdische Geschichte und Kultur an der Universität Leipzig, Leipzig
- 2003 - 2004
- Praktikum im Rahmen einer Ausstellungskonzeption "Zusammenarbeit bei hoher Reizbarkeit" (Universität Bielefeld und Stadtarchiv Bielefeld)
- 2001-2005
- Verschiedene Schulpraktika im Rahmen des Lehramtstudiums
- April 2009
- 1. International Graduate Conference in Holocaust and Genocide Studies, Clark University. Vortrag: Writing the Indescribable: Diary Writing in Concentration Camps, 1933 - 1945
- November 2008
- Projektpräsentation im Doktorandenkolloquium von Prof. Dr. M. Deshmuk, George-Mason-University, Washington D.C.
- September 2008
- Visiting Scholar Fellows Meeting, Vortrag: "Diary Writing in National Socialist Concentration Camps" (Moderation: Dr. Jürgen Matthäus), Center for Advanced Holocaust Studies, United States Holocaust Memorial Museum, Washington D.C.
- October 2007
- 4. International Workshop: New Perspectives in Holocaust Research Freiburg/Yad Vashem, Jerusalem (Prof. Dr. Herbert, Prof. Dr. Bankier, Prof. Dr. Michman). Vortrag: "'Writing to Surive.' The Phenomenon of Keeping a Diary in National Socialist Concentration Camps: Motivations - Functions - Language."
- November 2006
- "13. Workshop zur Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager", Saarbrücken, Vortrag: "Überlegungen zum methodischen Umgang mit Tagebüchern als Quellen der Konzentrationslagerforschung"
Ausbildung und Studium
Sonstige Tätigkeiten
Vorträge
Publikationen
Aufsatz
- Überlegungen zum methodischen Umgang mit Tagebüchern als Quelle der Konzentrationslagerforschung, in: Janine Doerry, Alexandra Klei, Elisabeth Thalhofer und Karsten Wilke (Hrsg.), NS-Zwangslager in Westdeutschland, Frankreich und den Niederlanden. Geschichte und Erinnerung, Paderborn: Schöningh, 2008.
Artikel
- Art. "Bergen-Belsen-Prozess", in: Torben Fischer, Matthias N. Lorenz (Hrsg.), Lexikon "Vergangenheitsbewältigung". Eine Debatten- und Diskursgeschichte des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik, Bielefeld: transcript, 2007.
- Art. "Prozesse gegen NS-Täter", in: Torben Fischer, Matthias N. Lorenz (Hrsg.), Lexikon "Vergangenheitsbewältigung". Eine Debatten- und Diskursgeschichte des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik, Bielefeld: transcript, 2007.
- Art. "Sprache des Nationalsozialismus", in: Torben Fischer, Matthias N. Lorenz (Hrsg.), Lexikon "Vergangenheitsbewältigung". Eine Debatten- und Diskursgeschichte des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik, Bielefeld: transcript, 2007.
- Art. "Ungebrochene Karrieren: Globke und Oberländer", in: Torben Fischer, Matthias N. Lorenz (Hrsg.), Lexikon "Vergangenheitsbewältigung". Eine Debatten- und Diskursgeschichte des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik, Bielefeld: transcript, 2007.

