Jasmin vom Brocke
Orte der Erinnerung, Orte der Herrschaft: Die politische Dimension mittelalterlicher Königs- und Kaisergräber im römisch-deutschen Reich
Das geplante Dissertationsprojekt befasst sich mit den politischen Sinnangeboten mittelalterlicher Königs- und Kaisergrablegen bzw. deren Supplementierungen und Substituten - also Grabplatten, Gedenkorten u.ä., aber auch Gedenkfeste, inszenierte Besuche etc. - im Spannungsfeld von Religion und Politik.
Zugrunde liegt die Annahme einer engen Verbindung zwischen politisch inspirierter Erinnerungskultur und religiös inspirierter Herrschaftskultur, die unter dem Stichwort "Herrschersakralität" in der Forschung diskutiert wird. Dieses Spannungsverhältnis wird also zum einen dadurch prekär, dass sich hier auf den ersten Blick zwei kulturelle Felder, nämlich Herrschaft und Religion, überschneiden. Das ist für den Mediävisten zunächst einmal nicht überraschend, lässt aber nach den konkreten Modi dieser Überschneidung fragen: Wird Herrschaft hier mit den Mitteln, also z.B. mit den Institutionen, dem Vokabular, der Bildwelt, den Argumenten und Repräsentationen, von Religion kommuniziert bzw. werden andersherum religiöse Praxen durch Elemente politischer Kultur rekontextualisiert, verändert oder bestimmt? Es handelt sich hier um ein grundsätzliches Spannungsfeld, das sich aber im Bereich der Herrschergräber noch durch teils konforme, teils aber auch widerstreitende Interessen zwischen den Akteuren, die an der Anlage, Ausgestaltung und späteren Nutzung dieser Stätten beteiligt sind, intensiviert. In dieser Hinsicht gehen die Herrschergräber weit über Repräsentations- und Legitimationsfunktionen hinaus. Vielmehr werden herrschaftliche Grablegen dadurch in einem sehr greifbaren Sinne Orte der Kommunikation von Herrschaft: Sie sind gestaltete Kommunikationsräume, die für Herrschaftskommunikation genutzt werden. Und nach diesen Gestaltungs- und Nutzungsstrategien möchte ich fragen.
Dabei betrachte ich in einem diachronen Längsschnitt die Herrscherdynastien der Ottonen und Salier, das heißt den Zeitraum zwischen 919 und 1125. Damit wird eine Zeit in den Blick genommen, für die gerade in Hinsicht auf die grundlegende Frage nach dem Verhältnis von Herrschaft und Religion tief greifende Veränderungen - nach der erst in jüngerer Zeit angegangenen Lesart: der Übergang vom sakralen zum säkularen Königtum - zu verzeichnen sind.

