Judith Syga
Die Rolle amerikanischer philanthropischer Stiftungen in der Unterstützung und Koordination der Sozialwissenschaften im Deutschland der Zwischenkriegszeit
Wissenschaftliche Betreuer: Prof. Dr. Thomas Welskopp (Universität Bielefeld) und Prof. Dr. Michael Werner (EHESS, Paris).
Dieses Dissertationsvorhaben zur Unterstützung der deutschen Sozialwissenschaften durch amerikanische philanthropische Stiftungen in der Zwischenkriegszeit verbindet drei komplementäre Forschungsfelder: die Geschichte der transatlantischen Wissenschaftsbeziehungen des 20. Jahrhunderts, die Geschichte der Sozialwissenschaften und diejenige der amerikanischen Philanthropie. Die Zwischenkriegszeit ist eine Schlüsselperiode der Institutionalisierung der deutschen Sozialwissenschaften. Etliche Forschungseinrichtungen wurden mit privaten amerikanischen Mitteln gefördert, wie etwa die Deutsche Hochschule für Politik in Berlin, das Institut für auswärtige Politik in Hamburg oder das Institut für Sozial- und Staatswissenschaften in Heidelberg. Ein Stipendienprogramm der Rockefeller Foundation ermöglichte jungen Forschern mehrjährige Studien- und Forschungsaufenthalte in den Vereinigen Staaten und anderen an das Programm angeschlossenen Ländern. Zwischen 1925 und 1941 erhielten etwa 80 deutsche Sozialwissenschaftler eine solche Fellowship.
Das Forschungsprojekt konzentriert sich auf vier Untersuchungsfelder:
a) Die Umsetzung der amerikanischen Unterstützungsprogramme für die europäischen Sozialwissenschaften in Deutschland. Gefragt wird, nach welchen Kriterien die zu fördernden deutschen Institutionen ausgesucht wurden, welche Personen die bevorzugten Ansprechpartner der Amerikaner waren und wie sich die ersten Kontakte etablierten. Wie wurden die Kandidaten für die individuellen Stipendien (fellowships) ausgewählt? Welche Rolle spielten die amerikanischen Stiftungen bei der Orientierung und Koordination der deutschen Wissenschaftspolitik? Wie wurde auf den Aufstieg und die Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland reagiert?
b) Gab es einen Konzeptionstransfer von den Vereinigten Staaten nach Deutschland? Das Engagement amerikanischer Stiftungen hat den europäischen intellektuellen Traditionen neue Konzeptionen hinzu geführt. Ziel der amerikanischen Stiftungen war die Förderung induktiver und empirischer Recherchen nach dem Vorbild der Naturwissenschaften, um damit den politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entscheidungsträgern praktisch anwendbares Expertenwissen zur Verfügung zu stellen. Welchen Einfluss nahmen die amerikanischen Vorstellungen auf die thematische und methodische Ausrichtung der geförderten Projekte? Welcher Stellenwert wurde den verschiedenen sozialwissenschaftlichen Disziplinen in der Umsetzung der von den Stiftungen initiierten oder geförderten Programmen zugewiesen?
c) Die Konstitution eines transatlantischen Netzwerkes. Wie hat sich die amerikanische Philanthropie in die bestehenden europäischen intellektuellen Netzwerke eingefügt? Welche Rolle hat sie bei der Bildung eines transatlantischen wissenschaftlichen Netzwerkes gespielt? Die Aktivitäten der Stiftungen haben Forscher und Institutionen aus sehr verschiedenen universitären Traditionen zusammen gebracht und die aus dieser Annäherung resultieren Chancen und Probleme sollen untersucht werden.
d) Die Forschungsfinanzierung. Wie war das Verhältnis zwischen staatlicher und privater Finanzierung und wie hat sich dieses im Laufe der Weimarer Republik verändert? In welcher Weise beeinflussten die Finanzierungsfragen die Reflexionen über die Unabhängigkeit der Forschung?
Methodisch orientiert sich die Dissertation an den Ansätzen der Kulturtransfers und der Histoire croisée, die mit Methoden aus der sozialwissenschaftlichen Netzwerkanalyse verbunden werden sollen. Die Dissertation ist an der Ecole des hautes études en sciences sociales (EHESS) in ein von Michael Werner, Ludovic Tournès und Gabriele Lingelbach geleitetes Forschungsprojekt mit dem Titel "Philanthrophie américaine et sciences sociales en Europe 1919-1939: Circulations intellectuelles, réseaux et constructions institutionnelles" eingebunden, in dem die Konsequenzen des Engagements amerikanischer Stiftungen auf europäischer Ebene untersucht werden.

