Julia Schöning
Im "Weltanschauungskampf" zwischen moderner Naturwissenschaft und christlichem Glauben - Der Keplerbund zur Förderung der Naturerkenntnis
Ziel des Dissertationsvorhabens ist es, ein protestantisches Wissenschaftsverständnis und seine Entwicklung in der ersten Hälfte des 20. Jh.
zu untersuchen, das in dem "Weltanschauungskampf" zwischen moderner Naturwissenschaft und christlichem Glauben im ausgehenden 19. und
frühen 20. Jh. entstand. Den evolutionsbiologischen und deszendenztheoretischen Ergebnissen Charles Darwins und deren Verbreitung im
deutschsprachigen Raum durch den Monisten Ernst Haeckel, der sich öffentlichkeitswirksam an die breite Masse richtete,
stellte sich der Keplerbund zur Förderung der Naturerkenntnis gegenüber, ein Weltanschauungsverein,
der mittels populärwissenschaftlicher Veröffentlichungen und Veranstaltungen versuchte, dem vermeintlich
zerstörerischen Einfluss der modernen Naturwissenschaften auf den Glauben und damit den seelischen Halt des "Volkes" entgegenzuwirken.
Damit trägt die Arbeit bei zur Erforschung der Anfänge des deutschsprachigen Antidarwinismus in seinen vielfältigen Ausprägungen.
Der Keplerbund, der der Hauptuntersuchungsgegenstand der Arbeit sein soll, propagierte dabei die
Trennung zwischen Gebieten der Naturwissenschaft und denjenigen, die rein dem Glauben belassen
werden sollten, wie die Entstehung des Menschen und der Welt. Es handelt sich jedoch hierbei
keineswegs um eine ausschließlich wissenschafts- und fortschrittsfeindliche Position, sondern
der Verein strebte die Harmonisierung moderner Naturerkenntnisse mit dem christlichen Glauben
an. Welches Wissenschaftsverständnis hinter diesem Dualismus steht und mit welchen Methoden und
Thesen der Bund arbeitete, soll die Dissertation erforschen. Die lange von der historischen
Wissenschaftsforschung a priori angenommene Unvereinbarkeit der beiden betrachteten Bereiche wird somit neu überdacht.
Ein Schwerpunkt der Arbeit liegt auf dem Bruch, der sich in den 1920ern in der thematischen Ausrichtung des Bundes vollzog.
Zum einen erhielt er eine stärker wissenschaftliche Ausrichtung und zum anderen wurde die Rassenhygiene zu einem seiner
Schwerpunktthemen. Ob sich der Bund hierbei von einem wissenschaftskritischen zum wissenschaftsgläubigen Verein wandelte,
und ob beiden Phasen ein spezifisch protestantisches Wissenschaftsverständnis zu Grunde lag, soll herausgearbeitet werden.

